„…wir sind jetzt ganz blöd dran!“

MARC CHARDONNENS IN ITTIGEN
Marc Chardonnens, Direktor des Bundesamtes für Umwelt (Foto: Heike Grasser/Ex-Press/Bafu)

Bisher hat der neue Direktor des Bundesamtes für Umwelt (Bafu), Marc Chardonnens, den Medien noch kaum Interviews gewährt. Ein Gespräch, das er der amtsinternen Medienabteilung gab und das auf der Bafu-Website erschien, sorgte im Frühling für erhöhte Aufmerksamkeit.  Zum Thema Abfall befragt, sagte er etwa: „Wir müssen (…) unseren Konsum mässigen. (…)  Unsere Gesellschaften müssen sich trauen, nach dem Sinn des Konsums zu fragen.“ Sofort wurde ihm dies als Zustimmung zur Initiative für eine „Grüne Wirtschaft“ ausgelegt. Seine Chefin, Umweltministerin Doris Leuthard, sowie ihre Bundesratskollegen, lehnten das Volksbegehren ab; dem schloss sich Chardonnens als loyaler Amtsdirektor an. Im September ist die Initiative der Grünen deutlich abgelehnt worden. Zudem stand er dem „Journal du Jura“ im April kurz Red und Antwort (online nicht verfügbar).  Das erste längere Gespräch in deutscher Sprache ist nun im „Ornis“, der Zeitschrift von BirdLife Schweiz, erschienen (nur print). Darin setzt sich Chardonnens das Ziel, während seiner Amtszeit den Aktionsplan Biodiversität zu verabschieden. Weiterlesen

Aus Munitionskisten werden Nistkästen

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Schleiereule: Freund jedes Bauern, frisst sie doch Unmengen an Mäusen.

„Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen“, heisst es in der Bibel. Oder zeitgenössisch ausgedrückt: Dann bauen sie aus Munitionskisten Nistkästen. Das geschieht tatsächlich. Und zwar in Israel.

Seit den 1980er Jahren werden in Israel Schleiereulen (und in letzter Zeit auch Turmfalken, die im Gegensatz zu den Eulen tagsüber jagen) angesiedelt, um Schädlinge zu bekämpfen. Denn ein Schleiereulenpaar vertilgt zusammen mit seinen Jungen jährlich 2000 bis 5000 Nagetiere, die sich an der Ernte der Bauern gütlich tun. Mit der natürlichen Bekämpfungsmassnahme konnte der Einsatz von giftigen Pestiziden in den vergangenen Jahren deutlich gesenkt werden. Weiterlesen

Assoziationsmaschine Kot

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„The Zürich Load“ von Mike Bouchet an der Manifesta im Löwenbräu-Areal in Zürich. (Bild Markus Hofmann)

Es ist das Werk, das an der Manifesta in Zürich am meisten zu reden gibt: „The Zürich Load“ von Mike Bouchet. Wer am 24. März 2016 in der Stadt Zürich auf die Toilette ging, ist hier, wenn man so will: verewigt. 80 Tonnen Klärschlamm, die an diesem Tag anfielen, hat Bouchet zu Quadern gepresst und zu einer Skulptur gefügt. Auch wenn Bouchet und Mitarbeiter der Kläranlage Werdhölzli viel unternommen hatten, um den Gestank zu beseitigen, so sorgte dieser zu Beginn der Ausstellung für Aufregung im Quartier. Derzeit liegt nur noch ein leichter Ammoniakgeruch in der Luft der Halle im schicken Löwenbräu-Areal. Die Hinweise auf die Ungefährlichkeit des Werks sowie die Möglichkeit, die Kot-Skulptur auch von der anliegenden Terrasse aus zu betrachten, wirken etwas übertrieben. Doch das mag an der Nase des Betrachters liegen. Weiterlesen

Umweltverbände wollen Verunsicherung nach Brexit nutzen

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Der Brexit hat die EU erschüttert. Ihr Sinn und Zweck werden wie selten zuvor hinterfragt. Am 16. September treffen sich die Spitzen von 27 EU-Ländern (also ohne Grossbritannien) in Bratislava, um informell über die Zukunft der EU zu sprechen. Ein guter Zeitpunkt also für verschiedenste Lobbygruppen, ihre Interessen ins Spiel zu bringen. Und so haben sich auch die 10 grössten Umweltverbände, die „Green 10“, an die EU gewandt und ihre Prioritäten formuliert. In Zeiten der Verunsicherung hoffen sie, die Anliegen des Umweltschutzes (wieder) zu einer tragenden Säule der EU-Politik zu machen. Weiterlesen

Künstlerische Demut in der Twingischlucht

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„Umbelliferae“ von Barbara Gschwind an der LandArt 2016 im Binntal. (Bild: Markus Hofmann)

Das Oberwallis ist weiss gesprenkelt. Auf grünen Weiden reckt sich der Bärenklau empor. Auch an steilen Hängen, wo keine Tiere mehr das Gras fressen, zeigen Doldengewächse ihre hellen Blütenstände: Das Laserkraut erobert sich Wiese um Wiese zurück, sobald die Beweidung durch Schafe aufgegeben worden ist. Das Weiss der regenschirmförmigen Dolden korrespondiert mit den Schneespitzen der Walliser Berge und den darüber hinziehenden Wolken.

Diese Pflanzenfamilie, die die Landschaft prägt, hat die Luzerner Künstlerin Barbara Gschwind zu ihrem Motiv gemacht. Auf Felswände hat sie mit weisser Farbe «Umbelliferae», wie die Doldengewächse lateinisch heissen und wie auch der Titel von Gschwinds Werk lautet, in Übergrösse gemalt: mit klarem, einfachem Strich, dafür umso wirkungsvoller. Die Blumen, die an Höhlenmalereien erinnern, sind einer von insgesamt 15 Beiträgen zur diesjährigen «LandArt Twingi» im Landschaftspark Binntal. Heuer findet diese jährliche Open-Air-Ausstellung zum zehnten Mal statt.

Schauplatz ist die Twingischlucht, die einstige Pièce de Résistance des Binntals. Seit Mitte der 1960er Jahre lassen die Autofahrer auf ihrem Weg nach Binn die Schlucht dank einem Tunnel rechts liegen. Die alte, nicht asphaltierte Strasse ist zum Wanderweg und zur Mountainbike-Strecke geworden – und beherbergt im Sommer die «LandArt». Eigentlich bedürfte diese enge Schlucht keiner zusätzlichen Inszenierung. Die fast senkrechten, von Steinschlag und Lawinenniedergängen zerfurchten Felswände, die alten Föhren, die Wasserfälle, die ihre Fracht in die Binna entladen, an deren schattigen Ufern auch im Sommer noch Schnee liegt, sind eindrücklich genug. Am vielversprechendsten ist daher diejenige Kunst, die schon gar nicht den Versuch wagt, dem Grandiosen der Umgebung Gleichartiges gegenüberzustellen, sondern die den Blick für Details öffnet. Weiterlesen

Viele umweltpolitische Fragezeichen nach dem Brexit

brexit-1477615_1280Der Brexit werde den Umweltschutz in Grossbritannien schwächen. Zu diesem Schluss kam das Institute for European Environmental Policy (IEEP) vor der Abstimmung vom 24. Juni 2016. Wie präsentiert sich die Ausgangslage nun mit etwas Abstand zu diesem historischen Tag? Ein einheitliches Bild lässt sich nicht zeichnen. Vieles wird unsicher bleiben, bis die Ablösung Grossbritanniens von der EU vollzogen ist. Wie diese Ablösung aussieht, ist bisher schlicht nicht klar. Die Möglichkeiten reichen von der völligen Abschottung bis zum Verbleib in der EU, falls der Brexit scheitern sollte. Weiterlesen

Kunst gesucht – ornithologisches Juwel entdeckt

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Steinadler im Museo Ciäsa Granda in Stampa. (Bild Markus Hofmann)

Da ist grosse Kunst (fast) zur Nebensache geworden. Angezogen von einem prägenden Künstler des letzten Jahrhunderts, entdecke ich eine prächtige ornithologische Sammlung mitten in den Alpen.

Das Bergell, das südliche Bündner Tal, feiert derzeit einer seiner grossen Künstler. Vor 50 Jahren starb Alberto Giacometti, der 1901 in Borgonovo zur Welt gekommen war. Höhepunkt der Ausstellung zum Gedenkjahr ist das Atelier Giacomettis in Stampa, das sich erstmals öffentlich besichtigen lässt. Und selbstverständlich werden Werke von Giacometti gezeigt, vor allem solche, die im Bergell entstanden sind. Wer Giacometti mag, ist von den Porträts, Stillleben und Landschaftsbildern im Museo Ciäsa Granda in Stampa mehr als angetan.

Das Museo Ciäsa Granda ist aber mehr als ein Kunstmuseum. Es ist auch das Bergeller Talmuseum, das Geschichte und altes Handwerk dokumentiert und über eine beachtliche geologische Abteilung verfügt. Natürlich dürfen auch Wolf und Bär nicht fehlen. Vor allem aber bietet das Museum eine überraschend umfangreiche ornithologische Sammlung. Nicht nur die einheimischen Vogelarten finden sich in rund 50 Dioramen präsentiert. Auch etliche „ausserbergellische“ Arten wie Grossmöwen und Limikolen sind zu sehen. Weiterlesen

Nachglühen: Leuchtkäfer-Kunst

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„Glühbahnen“ von Marianne Engel in der Stadtgärtnerei Zürich. (Foto: Markus Hofmann)

Noch bis zum 17. Juli dauert „Fireflies!“, die Leuchtkäfer-Kunstausstellung in der Zürcher Stadtgärtnerei. In dieser kleinen, aber feinen Ausstellung zeigen verschiedene Künstler Werke, bei denen sie sich von Glühwürmchen inspirieren liessen. Am besten gefällt mir die Arbeit von Marianne Engel. Sie bildet die Natur nicht mehr oder weniger verfremdend ab, sondern bei ihr wird die Natur wirklich Teil des Werks. In der Fotoserie „Glühbahnen“ macht sich Engel die Biolumineszenz der Glühwürmchen zunutze: Leuchtkäfer belichteten den Fotofilm direkt. Die Fotos überzeugen ästetisch, strahlen aber auch etwas Beunruhigendes aus. Man ahnt, wie rasch Schönheit vergeht und das Dunkle hinterlässt.

Fast ganz dunkel wird es in der „Pilzgarage“. Dort hat Engel verschiedene Objekte (Wurzeln, kleine Bäume, Hasenkadaver, Pilze) mit Leuchtpigmenten gefärbt. Erst wenn sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, erschliesst sich dem Betrachter das schwache Glühen. Es beginnt zu leuchten, was man in der überbelichteten Zivilisation nicht (mehr) sieht.

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Es braucht etwas Geduld, bis man in der „Pilzgarage“ das Leuchten verschiedener Objekte wahrnimmt. (Bild: Markus Hofmann)

Reissaus vor dem Feuerwerk

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Zunächst versuchen sie, sich auf dem Baumwipfel niederzulassen. Doch dann erfolgt der nächste Knall, der zwischen Üetli- und Zürichberg hin- und hergeworfen wird. Die beiden Graureiher starten durch und fliegen zwei Meter über uns, die wir auf der Dachterrasse stehen, in Richtung Wald. Hinter den Graureihern steigen Dutzende von Raketen empor und entladen ihre bunte und ohrenbetäubende Fracht. Das „Züri-Fäscht“, das grösste Volksfest der Schweiz, bietet seinen Hunderttausenden von Gästen das erste von insgesamt drei Riesenfeuerwerken an diesem Wochenende.

Dass Hunde und Katze empfindlich auf Feuerwerk reagieren, wissen die meisten Tierhalter aus eigener Erfahrung. Während der Knallerei sperren sie ihre Haustiere in einen ruhigen Raum oder verlassen den Ort des Geschehens. Doch wie reagieren Wildvögel auf Grossfeuerwerke? Das Abfeuern von Petarden ist ein übliches Mittel in der Landwirtschaft, um Vögel zu vergrämen. Einen ähnlichen Effekt hat daher wohl auch das Abbrennen von Feuerwerk.

Viele Untersuchungen dazu gibt es noch nicht. In den Niederlanden konnte gezeigt werden, dass in der Silvesternacht Vogelschwärme in die Flucht getrieben wurden. Das panische Verhalten kann in der Folge zu vermehrten Kollisionen mit Immobilien führen. In den USA verzeichnete man in Silvesternächten ein Massensterben an Vogelschlafplätzen. Der Ornithologe Martin Weggler nahm sich dem Thema in Zürich an. Er wollte wissen, welchen Effekt das Silvesterfeuerwerk auf überwinternde Wasservögel im unteren Zürichsee-Becken hat. Weiterlesen

Ist Naturschutzarbeit gut für die Gesundheit?

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Soll man Menschen, denen es gesundheitlich schlecht geht, hinaus in die Natur schicken, um Bäume zu pflanzen, Biotope zu pflegen oder den Wald von Abfall zu befreien? Befördern solche sinnvolle Arbeiten eine gute Gesundheit? Bewahrt einem das Frösche-über-die-Strasse-Tragen vor Herzkreislauferkrankungen?

Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die zeigen, dass umweltbezogene „Outdoor“-Aktivitäten neben den betreffenden Biotopen auch den involvierten Menschen gut tun. Man kommt in Kontakt mit Gleichgesinnten, hilft mit seiner als nützlich erachteten Arbeit nicht nur der Umwelt, sondern stärkt auch den Bezug zur Gemeinde, in der man lebt, und man betätigt sich körperlich. Dies alles scheint gesund zu sein. Eine „win-win“-Situation: gut für Mensch und Natur.

Doch quantiativ belegen lässt sich das (bisher) nicht. Weiterlesen