30 Millionen tote Vögel wegen Hauskatzen in der Schweiz: Was hinter dieser Zahl steckt

Katze im Vogelhäuschen: eine nicht zu unterschätzende Gefahr für Wildvögel. (Bild: Pixabay)

Drei Reaktionen habe ich auf die Aussage erhalten, dass Hauskatzen in der Schweiz jährlich 30 Millionen Wildvögel töteten: ungläubiges Staunen, erbostes Abstreiten oder bestätigendes Nicken. Der Hinweis, dass die Zahl nicht von einer Anti-Katzen-Organisation, sondern von der Schweizer Regierung stammt, nützte auf Seiten der Ungläubigen und Erbosten allerdings kaum etwas.

Diese Angabe von 30 Millionen toten Vögel darf man selbstverständlich in Frage stellen. Denn wie der Bundesrat betont, existieren keine Studien zur Zahl der in der Schweiz durch menschlichen Einfluss getöteten Vögel (da gehört die vom Menschen gehaltene Katze dazu).

Man muss sich auf Schätzungen abstützen. Diese stammen aus dem Ausland und können daher nicht ohne Weiteres auf die Schweiz übertragen werden, wie das Bundeamt für Energie meint. Das Bundesamt für Energie war Auskunftsgeber, da es in der bundesrätlichen Antwort auch um die Windkraft und deren tödliche Folgen für die Vögel ging.

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Verletzt und verlassen: Wie man mit versehrten Vögeln umgehen soll

Schmerzmittel und Ruhe: Ein Waldkauz in der „Intensivstation“ der Greifvogelstation Berg am Irchel, er hat wohl durch eine Kollision ein Traum erlitten. (Bild: Markus Hofmann)

Ende März ist es noch ruhig auf der Vogelpflegestation der Schweizerischen Vogelwarte Sempach im Kanton Luzern. Doch sobald die Brutsaison beginnt, füllen sich hier die Käfige und Volieren nach und nach. Zwischen Mai und August können schon einmal 300 bis 400 Pfleglinge zugleich vor Ort sein. Von Haussperlingen über Hausrotschwänze und Mauersegler bis hin zu Stockenten und Steinadlern: die Pflegestation in Sempach ist auf jede Vogelart vorbereitet.

Sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dann notwendig, um die Arbeit zu bewältigen. Und sie sind tagsüber fast pausenlos beschäftigt. „Vögel haben einen hohen Stoffwechsel und brauchen daher viel Nahrung. Einer von uns ist in solchen Zeiten nur mit Füttern beschäftigt. Das ist sozusagen Fliessbandarbeit“, sagt Vreni Mattmann, die Leiterin der Vogelpflegestation.

Auch dieser Mäusebussard, der auf der Pflegestation der Schweizerischen Vogelwarte verarztet wird, ist wohl ein Kollisionsopfer. (Bild: Markus Hofmann)

Derzeit sind erst wenige Patienten da: so zum Beispiel ein paar Strassentauben, zwei junge Türkentauben, ein Haussperling, eine Amsel sowie ein Mäusebussard. Der Greifvogel muss gerade verarztet werden. Er wurde vor ein paar Tagen benommen neben der Strasse gefunden und in die Pflegestation gebracht. Vielleicht ist er mit einem Auto kollidiert? Oft ist die Verletzungsursache nicht eindeutig festzustellen. Unter dem linken Flügel hat der Mäusebussard zudem eine Wunde.

Vreni Mattmann fasst den Mäusebussard mit sicherem Griff und legt ihn mit dem Rücken nach unten auf den Behandlungstisch. Der Mäusebussart wehrt sich nicht. Eine Kopfhaube, wie sie auch in der Falknerei üblich ist, nimmt ihm die Sicht. Die Dunkelheit beruhigt ihn. Die Tierärztin Prisca Mattmann versorgt die Wunde, desinfiziert sie und verschliesst sie mit einem Pflaster. Mit dem Heilungsprozess ist die Ärztin zufrieden, es wachsen bereits Federn nach. Sie hofft, dass der Mäusebussard bald wieder fit ist und in die Freiheit entlassen werden kann.

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Das Verschwinden der Vögel: dramatischer Rückgang der Vogelpopulation in Europa

Die Anzahl Stare in Europa ist in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen.

So können Vergleiche täuschen. Ein Beispiel dafür? Nehmen wir die Zahl der Brutvogelarten in der Schweiz. Diese ist seit den 1990er Jahren konstant geblieben. Mal verschwindet eine Vogelart, mal wandert eine neue ein. Insgesamt gleicht sich das über die Jahre aus.

Alles gut also?

Gar nicht. Denn die Artenzahl ist nur einen von mehreren Kenngrössen der Biodiversität. Die Arten müssen auch über eine gewisse Populationsgrösse verfügen, um überlebensfähig zu sein.

Und hier sieht die Tendenz bei der Vogelpopulation insgesamt sehr schlecht aus, wie neueste Untersuchungen zeigen.

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Das sind sie: die häufigsten Vogelarten der Welt

Haussperling.

Haussperling, Star, Ringschnabelmöwe und Rauchschwalbe sind die vier häufigsten Vogelarten der Welt. Von ihnen allen gibt es mehr als eine Milliarde Exemplare (der Spatz führt mit 1,6 Mia., dann folgen der Star mit 1,3, die Ringschnabelmöwe mit 1,2 und die Rauchschwalbe mit 1,1 Mia.).

Gemeiner Star.

Diese Schätzungen haben Forscher aus Australien vorgenommen. Dazu nutzten sie Citizen-Science-Daten von Vogelbeobachtern aus der ganzen Welt, die diese auf den einschlägigen Internetplattformen wie eBird ablegen. Insgesamt veranschlagen sie die Zahl aller wilden Vögel auf rund 50 Milliarden.

Ringschnabelmöwe.

Und hier die weiteren Arten der Top Ten:

5. Eismöwe (949 Mio.)

6. Erlentyrann (896 Mio.)

7. Dreizehenmöwe (815 Mio.)

8. Ohrenlerche (771 Mio.)

9. Russseeschwalbe (711 Mio.)

10. Grasammer (599 Mio.)

Rauchschwalbe.

© Markus Hofmann

Eine Welt ohne Menschen: Wie es darin den Vögeln ergehen würde

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Wer sich mit der rasant schwindenden Biodiversität und dem Naturschutz beschäftigt, kann einen Hang zur Misanthropie entwickeln. Mir zumindest geht es so.

Die Vorstellung, wie die Welt wohl aussehen würde, gäbe es keine Menschen, übt einen gewissen Reiz aus.

Meisterhaft umgesetzt hat diese Vision Alan Weisman in seinem Buch „Welt ohne uns“. Darin spielt Weisman die Idee durch, was mit der Erde geschehen würde, wenn der Mensch plötzlich nicht mehr da wäre.

Etwas Ähnliches haben nun Ornithologinnen und Ornithologen durchgerechnet. Sie stellten sich die Frage: Wie ginge es den Vögeln in Grossbritannien, wenn dort keine menschlichen Veränderungen an der Landschaft vorgenommen worden wären? Welche Arten profitierten, welche nicht? Ihre Studie ist soeben in „Ecological Indicators“ erschienen.

Kaum mehr Wald

In Grossbritannien, der Wiege der Industrialisierung, ist kaum eine Ecke vom Menschen unberührt geblieben. Was als „typisch“ britische Landschaft gepriesen wird, ist menschengemacht. Die Wälder wurden grossflächig gerodet. Über die Hälfte der Landwirtschaft wird genutzt als Ackerfläche oder Weide. Moorlandschaften, die ebenfalls beweidet werden, machen rund 15 Prozent aus. Dagegen ist der natürliche Laubwald stark geschrumpft, natürliche Feuchtgebiete im Innern des Lands sucht man fast vergeblich, und bei den Küstenfeuchtgebieten sieht es noch düsterer aus.

Ganz anders das Modell eines Menschen-freien Grossbritanniens aus: Da schnellt der Anteil des Laubwaldes auf 57,5 Prozent in die Höhe, inländische Feuchtgebiete nehmen 18,4 Prozent der Fläche ein und Küstenfeuchtgebiete 8,6 Prozent. Dafür sinkt der Anteil der Moorlandschaften auf 7 Prozent.

Was bedeutet das nun für die Vogelarten Grossbritanniens? Weiterlesen

Auch Möwen haben mal Wochenende: Die Vögel passen ihr Verhalten den Menschen an

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Regelmässige Leserinnen und Leser des Umweltblogs haben es vielleicht schon bemerkt: Ich habe grosse Freude an Tier-Mensch-Interaktionen. Insbesondere dann, wenn die Tiere sich im Vergleich zum Menschen besonders geschickt anstellen.

Bei Möwen ist dies oft der Fall, wie ich in Schottland beobachten konnte. Die Möwen haben sich an die menschliche Umwelt angepasst. Wie sehr, zeigt nun eine Studie aus Bristol.

Alle Bewohnerinnen und Bewohner von Küstenstädten wissen, dass es Möwen auf ihr Essen abgesehen haben. Seien es frische „Fish and Chips“ oder Nahrungsreste in Mülltonnen. Doch ziehen die Möwen auf der Suche mehr oder weniger zufällig herum? Oder wissen sie, wann was zu holen ist? Weiterlesen

Vögel in der EU stärker unter Druck – vor allem im Kulturland

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Kulturlandarten wie die Feldlerche kommen mit der intensiven Landwirtschaft nicht zurecht.

Schon wieder schlechte Nachrichten. Der Anlass dafür: Der neue Bericht über den Zustand der Natur in der EU.

Picken wir die Vögel raus, die sehr gute Anzeigerinnen für den Zustand der Natur sind.

463 Vogelarten tauchen in den Ländern der EU auf. Und um es zunächst einmal positiv zu formulieren: Fast der Hälfte davon wird ein guter Status beschieden.

Was aber eben auch bedeutet: 39 Prozent der Vogelarten geht es schlecht bis ganz schlecht (von 14 Prozent der Arten ist der Zustand unbekannt).

Vor allem die Trends sind besorgniserregend. Im Vergleich zu vor sechs Jahren hat der Anteil derjenigen Vogelarten, denen es gut geht, abgenommen (um 5 Prozent) und derjenigen Arten, denen es schlecht geht, – Sie ahnen es -, hat zugenommen (um 7 Prozent).

Also genau andersrum also es eigentlich sein sollte. Und wofür die vielen Naturschutzgesetze gemacht worden sind. Weiterlesen

Vogel- und Naturreportagen: „Die Flugbegleiter“ jetzt auch als Buch

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(Bild: vh)

Zum ersten Mal getroffen haben sich „Die Flugbegleiter“, die damals noch nicht wussten, dass sie so heissen werden, 2016. Die Idee, die alle verbunden hat und bis heute verbindet: ein Online-Magazin zu Themen der Ornithologie, des Naturschutzes, der Biodiversität und der Umweltpolitik. Die Ornithologie steht hier mit gutem Grund an erster Stelle: Denn alle „Flugbegleiter“ haben eine besondere Vorliebe zur Vogelwelt.

Seit 2017 veröffentlichen wir jeden Mittwoch unsere Beiträge (man kann uns abonnieren!). Inzwischen sind über 370 Artikel erschienen. Und ganz neu ist unser erstes Buch, das eine Reihe unserer Reportagen, Interviews und Analysen enthält. Erschienen ist es im Kosmos-Verlag und nun in den Buchhandlungen oder online erhältlich.

Vom Gänsegeier bis zum Italiensperling: die besten Orte zur Vogelbeobachtung in der Schweiz

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Gänsegeier sind nun im Sommer auch in der Schweiz anzutreffen. (Bild: Guy Rey-Bellet/Pixabay)

Die Schweiz ist ein kleines Land. Und doch brüten hier 210 Vogelarten. Zählt man noch die Vögel dazu, die das Land auf ihrem Zug regelmässig durchqueren oder sich auch mal hierher verirren, verdoppelt sich die Zahl: Fast 420 Arten wurden bisher in der Eidgenossenschaft nachgewiesen. Für Vogelbeobachterinnen und -beobachter ist die Schweiz daher ein lohnendes Ziel. Dies vor allem auch wegen der Bergvögel wie dem Mauerläufer, der Alpenbraunelle oder dem Zitronengirlitz.

Die Kleinheit des Landes bietet zudem den Vorteil, dass die Hotspots der Vogelbeobachtung in vernünftiger Zeit erreichbar sind; auf ein Auto kann man getrost verzichten, denn der öffentliche Verkehr führt selbst in abgelegene Orte. Von Zürich aus lässt sich fast das ganze Land in einem Tag bereisen – inklusive Rückreise.

Darüber, wo es sich besonders lohnt, nach Vögeln Ausschau zu halten, gibt seit über 20 Jahren das Buch „Vögel beobachten in der Schweiz“ Auskunft. Nun ist es in der vierten Auflage erschienen. Seit der letzten Auflage sind etliche Jahre vergangen, in denen sich einiges getan hat in der Schweizer Vogelwelt. Die vier Autoren hatten daher allen Grund, neue Gebiete hinzuzufügen. Weiterlesen

„Die Bauern sind nicht an allen Umweltproblemen schuld“: Ein Bauer und Politiker wehrt sich gegen den schlechten Ruf der Landwirtschaft und gründet ein Vogeldorf

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Einer der Lieblingsorte von Andreas Aebi: Der Kuhstall, in dem Rauchschwalben brüten. (Bild: Markus Hofmann)

Es ist leicht, den Bauernhof von Andreas Aebi zu finden: immer den Schwalben nach. Dort, wo Mehl- und Rauchschwalben wie ein Mückenschwarm ums Gehöft fliegen, wartet auch schon Aebi und deutet unter den Dachfirst einer Scheune. Kürzlich hat er hier eine Reihe von künstlichen Mehlschwalbennestern angebracht.

Anders als über 150 andere Kunstnester, die Andreas Aebi auf seinem Hof zählt, sind sie noch leer. „Das wäre ein Highlight, wenn die Schwalben auch diese Nester beziehen“, sagt er: „Gleich darunter an der Scheunenwand kommt dann das Schild hin. Damit es alle sehen, die am Hof vorbeifahren.“ Auf dem Schild wird stehen: Vogeldorf.

Wir sind im ersten Vogeldorf der Schweiz, in Alchenstorf, einer 600-Seelen-Gemeinde in der hügeligen Landschaft des Emmentals im Kanton Bern, die noch immer landwirtschaftlich geprägt ist. Die Bauern betreiben vor allem Viehzucht und Milchwirtschaft. Das saftige Grün der Weiden zwischen den Dörfern und Wäldern springt einen wie auf einer nachträglich kolorierten Postkarte förmlich an. Der Dung der Kühe versorgt den Boden mehr als genügend mit Nährstoffen. Aus dieser Gegend stammt der berühmte Emmentaler-Käse: der mit den Löchern, im Ausland schlicht auch „Schweizer Käse“ genannt.

Der Bundespräsident reist ins Vogeldorf

Auch Andreas Aebi ist Bauer, neben vielem anderen: Er ist Abgeordneter im Nationalrat, der grossen Kammer des Schweizer Parlaments, er ist Präsident der Schweizerischen Rinderzüchter, Auktionator, Reiseveranstalter – und er ist der Erfinder des Vogeldorfs. Vor knapp einem Jahr lud er zum Fest und hob das Vogeldorf aus der Taufe.

Seine politischen Beziehungen liess er bis ganz nach oben spielen. Und so nahmen nicht nur viele Bäuerinnen und Bauern sowie weitere Einwohner aus Alchenstorf am Festakt teil. Aus Bern reiste ein Mitglied der Schweizer Regierung an. Bundespräsident Ueli Maurer, ein Parteifreund Aebis, hielt eine Festrede. Und auch der ehemalige Trainer des 1. FC Köln, Hanspeter Latour, war da, der sich inzwischen fast gänzlich der Naturbeobachtung verschrieben hat (das Flugbegleiter-Porträt von Latour finden Sie unter diesem Link).

Wissenschaftliche Begleitung

Das Vogeldorf ist nicht irgendeine spleenige Idee eines Hobby-Ornithologen. Andreas Aebi meint es ernst damit. Das Vogeldorf ist ein Projekt, mit dem bestimmte Vogelarten sowie die Biodiversität insgesamt in Alchenstorf gefördert werden sollen.

Die Berner Fachhochschule begleitet das Vogeldorf wissenschaftlich, Birdlife Schweiz unterstützt es. Doch zuerst wird Inventur gemacht. Bereits sind Hecken, Obst- und Einzelbäume sowie das Siedlungsgebiet einer Beurteilung unterzogen worden. Die extensiv bewirtschafteten Wiesen werden untersucht. Und ein Ornithologe streift gerade durch die Gemeinde und schaut und hört, wo welche Vogelarten brüten.

Lesen Sie weiter bei den Flugbegleitern (€).