„…wir sind jetzt ganz blöd dran!“

MARC CHARDONNENS IN ITTIGEN
Marc Chardonnens, Direktor des Bundesamtes für Umwelt (Foto: Heike Grasser/Ex-Press/Bafu)

Bisher hat der neue Direktor des Bundesamtes für Umwelt (Bafu), Marc Chardonnens, den Medien noch kaum Interviews gewährt. Ein Gespräch, das er der amtsinternen Medienabteilung gab und das auf der Bafu-Website erschien, sorgte im Frühling für erhöhte Aufmerksamkeit.  Zum Thema Abfall befragt, sagte er etwa: „Wir müssen (…) unseren Konsum mässigen. (…)  Unsere Gesellschaften müssen sich trauen, nach dem Sinn des Konsums zu fragen.“ Sofort wurde ihm dies als Zustimmung zur Initiative für eine „Grüne Wirtschaft“ ausgelegt. Seine Chefin, Umweltministerin Doris Leuthard, sowie ihre Bundesratskollegen, lehnten das Volksbegehren ab; dem schloss sich Chardonnens als loyaler Amtsdirektor an. Im September ist die Initiative der Grünen deutlich abgelehnt worden. Zudem stand er dem „Journal du Jura“ im April kurz Red und Antwort (online nicht verfügbar).  Das erste längere Gespräch in deutscher Sprache ist nun im „Ornis“, der Zeitschrift von BirdLife Schweiz, erschienen (nur print). Darin setzt sich Chardonnens das Ziel, während seiner Amtszeit den Aktionsplan Biodiversität zu verabschieden.

Um ein koordiniertes Vorgehen gegen den Rückgang der biologischen Vielfalt in der Schweiz ringt man nun schon seit Jahren. Erst 2012 verabschiedete der Bundesrat die „Strategie Biodiversität“, darauf nahm man die Arbeit am Aktionsplan auf, der in der Folge den Kantonen vorgelegt wurde. Im Mai dieses Jahres erschien der Bericht zur Vorkonsultation.

Chardonnens, der vor seiner Ernennung zum Bafu-Chef dem Umweltamt des Kantons Freiburg vorstand, verteidigt das eher schleppende Vorgehen. Die Kantone seien die Hauptträger bei der Umsetzung: „Es ist deshalb wichtig, im politischen Prozess von ihnen zu hören, ob wir auf gutem Weg sind.“ Klar sei nun, dass der Bund aus Sicht der Kantone bei der Umsetzung „finanziell seinen Teil übernehmen“ müsse. Sprich: Die Kantone befürchten zu hohe Kosten beim Erhalt und der Förderung der Biodiversität.

Druck von aussen

Ein grundlegendes Problem bei der Biodiversitätspolitik besteht in der Wahrnehmung. Es ist vielen schlicht nicht bewusst, dass die Schweiz hier ein grösseres Problem hat. Chardonnens meint dazu im „Ornis“-Interview: „Wir müssen mit Zahlen dokumentieren, wie die Lage ist, sonst glaubt die Bevölkerung es nicht.“ Er hofft auf 2017. Dann wird ein neuer OECD-Bericht der Umweltprüfung vorliegen. Beim letzten Bericht, der 2007 erschien, schnitt die Schweiz gar nicht gut im Natur- und Landschaftsschutz ab. So hielt die OECD etwa fest: „Der Verlust an Biodiversität, Natur und Landschaft setzt sich fort. Angesichts der Besorgnis über die wirtschaftliche Wachstumsschwäche und die internationale Wettbewerbsfähigkeit besteht die Tendenz, Umweltfragen kurzfristig eine geringere Priorität beizumessen.“ Die OECD wird kommendes Jahr der Schweiz den Spiegel wiederum vorhalten. Sie werde aufzeigen, was die Schweiz bisher gut gemacht habe und wo noch Handlungsbedarf bestehe, meint Chardonnens.

Doch das Schweizerische System des Föderalismus funktioniere halt langsam. Dafür sei es wirkungsvoll und garantiere eine gewisse Kontinuität. Auch wenn die Umsetzung der Biodiversitätspolitik gemächlich vor sich geht, so ist es Chardonnens wichtig, dass die künftigen Generationen nicht sagten: „Was habt ihr nur gemacht, wir sind jetzt ganz blöd dran!“

Ökologische Infrastruktur

Ein Projekt, das die kommenden Jahre in Anspruch nehmen wird, ist der Aufbau einer ökologischen Infrastruktur. Da die Schweiz über keine ausreichend grossen Flächen zum Erhalt der biologischen Vielfalt verfügt, müssten die noch bestehenden Flächen „schlau“ miteinander vernetzt werden, sagt Chardonnens gegenüber „Ornis“. So könne sich die Biodiversität entfalten und regenieren. Um die biologische Vielfalt im Kulturland, wo sie besonders schlecht dran ist, zu verbessern, sucht Chardonnens die Zusammenarbeit mit den Bauern. Er verweist dabei auf ein Projekt der Braunkehlchen-Förderung in Freiburg, bei dem sich die Bauern „fast“ in den Vogel „verliebten“ (siehe die Reportage „Harte Zeiten für das Braunkehlen“ in der NZZ). Zudem sollen die Umweltziele für die Landwirtschaft von 2008 überarbeitet werden.

Respekt und Schönheit

Zum Wert der Biodiversität äussert sich Chardonnens nicht nur nutzenorientiert. Gegenüber der biologischen Vielfalt hege er Respekt wie gegenüber einem Millionen Jahren alten Schatz. Natur bedeute ihm – ganz spontan – etwas Schönes.

 

 

 

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