
Der Sommer steht vor der Tür. Und damit werden bald wieder gefrässige Möwen Gesprächsstoff liefern.
Kaum ein Jahr vergeht, in dem nicht über eine „Möwenplage“ berichtet wird – vor allem in Grossbritannien. Letztes Jahr machte etwa Scarborough Schlagzeilen, einer von vielen Orten an Englands Küsten, wo hungrige Möwen hungrigen Menschen „Fish ’n‘ Chips“ stehlen.
So gross die Aufregung, so vielfältig die Versuche, die Angriffe der Möwen abzuwehren: Sei es durch Anschreien oder Anstarren, unermüdlich suchen die Menschen nach Möwenabwehrmassnahmen.
Neuster Versuch: Imitation von Augen.
Das ist kein unübliches Verfahren in der Tierwelt. Man denke etwa an die Augenflecke des Abendpfauenauges, die es zur Abschreckung von Feinden nutzt. Dabei muss nicht unbedingt die Augenähnlichkeit Irritationen beim Betrachter hervorrufen, diese Wirkung können auch die Kontraste entfalten. Der Anblick starker Kontraste sorgt bei vielen Tieren für Misstrauen.

Klappt diese Täuschung auch bei Möwen? Dies fragten sich dieselben Forscherinnen, die bereits die Wirkung des menschlichen Blicks auf Möwen untersucht hatten. Das Experiment und dessen Resultate haben Laura A. Kelley et. al. in „Ecology and Evolution“ publiziert.
Die Anlage des Experiments – durchgeführt in Cornwall und Devon mit Silbermöwen – war unkompliziert: Die Möwen bekamen handelsübliche Essensboxen präsentiert. Die eine war ungeschmückt, die andere wurde mit einem Paar handelsüblichen Wackelaugen versehen.
Zudem gab es eine Variante mit stark kontrastierenden Augenpaaren, einmal mit runden und einmal mit viereckigen Augen, um zu überprüfen, ob die Kontraste oder die Pseudo-Augenflecke einen Effekt auf das Möwenverhalten haben.
Die Möwen wurden mit etwas Brot angelockt, dann wurden ihnen die Boxen nebeneinander (zwei Meter voneinander entfernt) präsentiert, eine mit und eine ohne Augen. Gemeinerweise für die Möwen war in den Boxen keine Nahrung vorhanden, sondern sie waren mit Steinen beschwert. Beobachtet und gefilmt wurde, welche Box die Möwen zuerst und mit welcher Latenz anpickten.
Möwen durchschauen den Trick
Und tatsächlich: Die Möwen näherten sich den Augen-Boxen zögerlicher und weniger oft als den Boxen ohne Augenimitation.
Allerdings sind Möwen nicht auf den Kopf gefallen. Und so testeten die Forscherinnen, ob sich die Möwen mit der Zeit an die Augen-Boxen gewöhnen, wenn sie realisieren, dass von diesen keinerlei Bedrohung ausgeht.
Hier teilt sich nun die Möwenwelt: die eine Hälfte der Möwen zeigte sich von den Augen nach ein paar Versuchen nicht mehr beeindruckt, die andere Hälfte mied die Augen-Box weiterhin.
Die Forscherinnen gehen zudem davon aus, dass es weniger die Augen, sondern eher die Kontraste sind, die das Vermeidungsverhalten auslösen. Denn für den Versuch spielte es keine signifikante Rolle, ob die künstlichen Augen rund oder viereckig waren.
Verschiedene Methoden kombinieren
Dennoch: Immerhin rund die Hälfte der Silbermöwen liess sich in diesem Experiment von kontrastierenden Augenflecken beeindrucken und von Diebstahl- und Fressversuchen abhalten.
Die Wissenschaftlerinnen kommen deshalb zum Schluss: Augen auf den Boxen können helfen – und kombiniert man diese Methode mit weiteren Abschreckungsmassnahmen, etwa mit Anschreien, lassen sich einige gierige Möwen wohl auf Distanz halten.
Doch ob dann das Essen von Fish and Chips am Strand noch Spass macht?
© Markus Hofmann