Ökozid: Wann wird Naturzerstörung endlich bestraft?

Dies sei „ein historischer Moment“, meint Jojo Mehta, Juristin und Vorsitzende der „Stop Ecocide“-Stiftung. Nun gebe es eine prägnante juristische Definition des „Ökozids“. Eine Definition, die die Regierungen dieser Welt „ernst nehmen würden“.

Anfang dieser Woche veröffentlichte die „Stop Ecocide“-Stiftung einen Entwurf für eine neue internationale Strafnorm: den Ökozid. Diese Strafnorm soll in das Römer Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (auch Römisches Statut oder Rom-Statut genannt) aufgenommen werden. Bisher stehen in diesem völkerrechtlichen Abkommen die Tatbestände Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Verbrechen der Aggression (zum Beispiel Angriffskriege).

Die schwere Umweltschädigung fehlt

Die „schwersten Verbrechen, welche die internationale Gemeinschaft als Ganzes berühren“, dürften nicht unbestraft bleiben, heisst es in der Präambel des Römer Statuts. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag ist seit 2002 zuständig für die Dursetzung dieses Abkommens, das über 120 Staaten anerkannt haben. Allerdings haben einflussreiche Länder wie die USA, Russland, China oder Indien das Römer Statut nicht ratifiziert. Sie wollen nicht, dass ihre Staatsbürgerinnen und Staatsbürger vor ein internationales Strafgericht gezogen werden dürfen.

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Botanikerinnen mögen es bunt: Blaue Blütenpflanzen locken Forscher besonders an

Gentiana ligustica: Der Ligurische Glocken-Enzian übt schon fast eine magische Anziehungskraft auf Botanikerinnen und Botaniker aus. (Bild: Di Guy Waterval)

Suchen Botanikerinnen und Botaniker ihre Forschungsobjekt nach streng wissenschaftlichen Gesichtspunkten aus? Die Antwort müsste lauten: nicht nur!

Die Ästhetik der Pflanze, also etwas schlichter ausgedrückt, das Äussere der Pflanze beeinflusst, ob sich ein Forscher ihrer genauer annimmt oder nicht.

Dies hat der Biologe Martino Adamo der Universität Turin zusammen mit Kollegen herausgefunden. Die Untersuchung hat er in Nature Plants veröffentlicht.

Adamo erforschte gerade Tephroseris balbisiana, eine eher unscheinbare, gelbblütige Pflanze, als ihm bei der Literaturrecherche auffiel, dass zu dieser Pflanze vergleischweise wenige Studien vorhanden waren. Ganz anders sah dies im Falle von attraktiveren Pflanzen aus.

Steckt da etwa kein Zufall dahinter? Welche Pflanzen stehen bei seinen Kolleginnen und Kollegen besonders hoch im Kurs? Um dies zu überprüfen, nahme Adamo 113 für die Südalpen typische Pflanzen genauer unter die Lupe.

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Ökologisch intakte Gebiete sind auf 3 Prozent der Landoberfläche geschrumpft – Wiederansiedlung von Tieren als Lösung

Wo es noch ökologisch intakte Gebiete gibt: Alaska. (Bild: David Mark/Pixabay)

Auf den ersten Blick sieht es gar nicht so schlecht aus: Immerhin 20 bis 40 Prozent der Erdoberfläche stehen unter lediglich leichtem menschlichen Einfluss.

Aber eben: auf den ersten Blick. Und dieser Blick ist – logischerweise – ein sehr menschlicher. Er ist auf das Mass des menschlichen Fussabdrucks gerichtet. Eine durchaus bewährte Methode, um die Naturnähe einer Region zu erfassen.

Doch kehrt man die Sache um, und schaut, wo es denn noch Gebiete gibt, die ökologisch gesehen intakt sind, schrumpfen die Resultate deutlich.

Ein Gruppe von Wissenschaftern hat genau dies getan. Ihre Studie ist vor ein paar Tagen erschienen. Und das Ergebnis ist erschütternd: Nur knapp 3 Prozent der Erdoberfläche können noch als ökologisch intakt bezeichnet werden. (Die Antarktis ist bei dieser Untersuchung nicht mit einbezogen worden.)

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Die Grossen breiten sich aus, die Kleinen sind unter Druck: neuer Säugetieratlas für die Schweiz und Liechtenstein

 

Unter den wilden Säugetieren ist es der Rotfuchs, der in der Stadt am häufigsten meinen Weg kreuzt. In den vergangenen Jahren ist der Fuchs zu einem waschechten Städter geworden. In Zürich unterscheidet sich die städtische von der ländlichen Fuchspopulation inzwischen genetisch. Es gibt also, wenn man so will, Zürcher Stadt- und Landfüchse. Den Füchsen gefällt es in den Städten mit ihrem reichlichen Nahrungsangebot so gut, dass dort die Fuchsdichte höher ist als im Umland.

Ein weiteres Säugetier, das ich vor allem entlang der Seepromenade und der Flüsse, die Zürich durchqueren, immer wieder beobachten kann, ist die Wanderratte: eine der häufigsten Säugetierart der Welt. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts lebt die Wanderrate auch in der Schweiz. An den Sommerabenden tauchen dann die Zwergfledermäuse auf, die ums Haus und um die Bäume Mücken jagen.

Igel – ein seltener Anblick

Viel seltener ist hingegen die Begegnung mit dem Igel – oder genauer: mit dem Braunbrustigel – geworden. In meiner Kindheit war dies noch anders. Doch in den vergangenen 25 Jahren hat der Bestand in Zürich um 40 Prozent abgenommen. Die Gründe für diesen starken Rückgang sind noch unklar. Die bauliche Verdichtung sowie weniger naturnahe Gärten könnten eine Rolle spielen.

Diese vier Arten stehen beispielhaft für die insgesamt 99 Säugetierarten, die derzeit in der Schweiz vorkommen. Sie alle stellt der neue „Atlas der Säugetiere: Schweiz und Liechtenstein“ ausführlich vor. Die letzte Ausgabe des Schweizer Säugetieratlas’ liegt bereits ein Vierteljahrhundert zurück. Daher entschied sich die Schweizerische Gesellschaft für Wildtierbiologie, die neusten Entwicklungen in der eidgenössischen Säugetierwelt aufzuarbeiten.

Seit der letzten grossen Datenerhebung ist einiges geschehen. Die Bestände vieler Säugetierarten sind teils erheblichen Veränderungen unterworfen. So gibt es von Neuzugängen zu berichten. Zwölf Säugetierarten sind hinzugekommen. Zum Beispiel sind der Wolf und der Fischotter zurück im Land. Und die Walliser Spitzmaus sowie die Kryptische Fledermaus stehen auf der Liste der Neuentdeckungen. Allerdings waren diese beiden schon vorher da. Dank genauerer Bestimmungsmethoden konnten sie als eigenständige Arten definiert werden.

Nach dem Schweizerischen Brutvogelatlas von 2018 folgt hier also gleich ein weiteres Standardwerk zur Fauna der Schweiz. Über eine Millionen Beobachtungsdaten, die zwischen 2000 und 2019 anfielen, sind dafür ausgewertet worden. 

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Eine Welt ohne Menschen: Wie es darin den Vögeln ergehen würde

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Wer sich mit der rasant schwindenden Biodiversität und dem Naturschutz beschäftigt, kann einen Hang zur Misanthropie entwickeln. Mir zumindest geht es so.

Die Vorstellung, wie die Welt wohl aussehen würde, gäbe es keine Menschen, übt einen gewissen Reiz aus.

Meisterhaft umgesetzt hat diese Vision Alan Weisman in seinem Buch „Welt ohne uns“. Darin spielt Weisman die Idee durch, was mit der Erde geschehen würde, wenn der Mensch plötzlich nicht mehr da wäre.

Etwas Ähnliches haben nun Ornithologinnen und Ornithologen durchgerechnet. Sie stellten sich die Frage: Wie ginge es den Vögeln in Grossbritannien, wenn dort keine menschlichen Veränderungen an der Landschaft vorgenommen worden wären? Welche Arten profitierten, welche nicht? Ihre Studie ist soeben in „Ecological Indicators“ erschienen.

Kaum mehr Wald

In Grossbritannien, der Wiege der Industrialisierung, ist kaum eine Ecke vom Menschen unberührt geblieben. Was als „typisch“ britische Landschaft gepriesen wird, ist menschengemacht. Die Wälder wurden grossflächig gerodet. Über die Hälfte der Landwirtschaft wird genutzt als Ackerfläche oder Weide. Moorlandschaften, die ebenfalls beweidet werden, machen rund 15 Prozent aus. Dagegen ist der natürliche Laubwald stark geschrumpft, natürliche Feuchtgebiete im Innern des Lands sucht man fast vergeblich, und bei den Küstenfeuchtgebieten sieht es noch düsterer aus.

Ganz anders das Modell eines Menschen-freien Grossbritanniens aus: Da schnellt der Anteil des Laubwaldes auf 57,5 Prozent in die Höhe, inländische Feuchtgebiete nehmen 18,4 Prozent der Fläche ein und Küstenfeuchtgebiete 8,6 Prozent. Dafür sinkt der Anteil der Moorlandschaften auf 7 Prozent.

Was bedeutet das nun für die Vogelarten Grossbritanniens? Weiterlesen

Einzigartiges Naturschutzgebiet in Basel in Gefahr

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Ein ganz spezieller Trockenlebensraum: die stillgelegte Rangieranlage des Badischen Bahnhofs in Basel. (Bild: Markus Hofmann)

Es ist alles andere als ein Naturidyll. Der Geruch der Abwasserreinigungsanlagen der Basel Stadt vermischt sich mit den Abgasen der Autobahn und des städtischen Verkehrs. Industriegebäude reiht sich an Industriegebäude. Aufeinander gestapelte Container warten auf die Verladung. In einem Drivecenter üben Automobilisten ihre Fahrkünste; hier stört das niemanden. Selbst die Insassen des Gefängnis Bässlergut werden davon kaum etwas mitbekommen. Das Ausschaffungsgefängnis liegt ennet den Geleisen, ganz in der Nähe der schweizerisch-deutschen Grenze.

Und mittendrin ein Hotspot der Biodiversität.

Auf dem ehemaligen Rangiergelände der Deutschen Bahn beim Badischen Bahnhof hat sich ein einmaliges Biotop entwickelt. 2010 ist das knapp 20 Hektar grosse Gebiet ins Bundesinventar für Trockenwiesen und -weiden nationaler Bedeutung aufgenommen worden und somit bundesrechtlich geschützt. Es ist ein für die Schweiz einzigartiger Trockenlebensraum und aus Sicht des Naturschutzes entsprechend wertvoll. Seit 1900 sind in der Schweiz 95 Prozent aller Trockenlebensräume verschwunden.

Bereits 2003 schrieb die damalige Vorsteherin des Baudepartements Basel-Stadt, Barbara Schneider: „Das Eisenbahngelände im Norden Basels zeichnet sich durch seine ein­malige Lage am Rande der Oberrheinebene aus. Für Schweizer Verhältnisse findet sich dort eine einzigartige Vergesellschaftung von Pflanzen und Tieren. Es kommen Arten vor, die in der übrigen Schweiz selten sind, zum Beispiel die Blauflüglige Ödlandschrecke und das Pariser Labkraut; oder es finden sich dort Arten, die es in der Schweiz sonst nirgends gibt, zum Beispiel das Sand-Lieschgras.“

Doch nun ist dieser Lebensraum akut gefährdet. Am 29. November 2020 stimmen die Baslerinnen und Basler darüber ab, ob diese „einzigartige Vergesellschaftung von Pflanzen und Tieren“ verschwindet. Geplant sind dort nämlich ein neues Hafenbecken sowie ein Containerterminal. Weiterlesen

Vögel in der EU stärker unter Druck – vor allem im Kulturland

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Kulturlandarten wie die Feldlerche kommen mit der intensiven Landwirtschaft nicht zurecht.

Schon wieder schlechte Nachrichten. Der Anlass dafür: Der neue Bericht über den Zustand der Natur in der EU.

Picken wir die Vögel raus, die sehr gute Anzeigerinnen für den Zustand der Natur sind.

463 Vogelarten tauchen in den Ländern der EU auf. Und um es zunächst einmal positiv zu formulieren: Fast der Hälfte davon wird ein guter Status beschieden.

Was aber eben auch bedeutet: 39 Prozent der Vogelarten geht es schlecht bis ganz schlecht (von 14 Prozent der Arten ist der Zustand unbekannt).

Vor allem die Trends sind besorgniserregend. Im Vergleich zu vor sechs Jahren hat der Anteil derjenigen Vogelarten, denen es gut geht, abgenommen (um 5 Prozent) und derjenigen Arten, denen es schlecht geht, – Sie ahnen es -, hat zugenommen (um 7 Prozent).

Also genau andersrum also es eigentlich sein sollte. Und wofür die vielen Naturschutzgesetze gemacht worden sind. Weiterlesen

Wem es bereits schlecht geht, dem geht es noch schlechter: Gefährdete Pflanzen in der Schweiz auf dem Rückzug

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Weisses Fingerkraut, eine typische Art von Trockenwiesen. In der Schweiz gilt diese Art als verletzlich. (Bild: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2001588)

Wie wichtig alte Aufzeichnungen sind, zeigt sich wieder einmal an einer neuen Untersuchung zur Schweizer Pflanzenwelt. Zwischen 1960 und 2001 hat „Info Flora“, das nationale Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora, die Pflanzenwelt gründlich aufgearbeitet. Diese Daten wurden nun mit dem Jetztzustand verglichen.

Über 400 Botaniker und Botanikerinnen haben sich die Mühe gemacht, die damals erhobenen Populationen – über 8000 – aufzusuchen und nachzuschauen, was dort noch wächst. Dabei hat man sich auf die 713 seltensten und am meisten bedrohten Arten konzentriert. Die Resultate dieser Studie sind besorgniserregend.

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Die Aliens vor den Toren der Naturschutzgebiete

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Schweizerischer Nationalpark: Manchmal schleppen Besucher nicht-heimische Arten in Schutzgebiete. (Bild: M. Hofmann)

Der Begriff sagt es: Naturschutzgebiete sind dazu da, die Natur vor Ort zu schützen. Und zwar auch vor sogenannten nicht-heimischen Arten. Solche Neobiota gelten als eine von mehreren Ursachen für den rapiden Biodiversitätsverlust (neben Zerstörung von Habitaten, Übernutzung, Klimawandel und Verschmutzung; zur Debatte über invasive Arten siehe hier).

Diese Bedrohung soll selbstverständlich auch von Naturschutzgebieten ferngehalten werden. Doch gelingt dies auch?

In einer grossen Datenstudie sind Forscher dieser Frage nachgegangen. Sie untersuchten, inwieweit sich weltweit 894 nicht-heimische Tierarten bereits in 199’957 Naturschutzgebieten breit gemacht haben. Der Befund ist positiv, doch die Gefahren drohen in der Zukunft. Weiterlesen

Vogel- und Naturreportagen: „Die Flugbegleiter“ jetzt auch als Buch

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(Bild: vh)

Zum ersten Mal getroffen haben sich „Die Flugbegleiter“, die damals noch nicht wussten, dass sie so heissen werden, 2016. Die Idee, die alle verbunden hat und bis heute verbindet: ein Online-Magazin zu Themen der Ornithologie, des Naturschutzes, der Biodiversität und der Umweltpolitik. Die Ornithologie steht hier mit gutem Grund an erster Stelle: Denn alle „Flugbegleiter“ haben eine besondere Vorliebe zur Vogelwelt.

Seit 2017 veröffentlichen wir jeden Mittwoch unsere Beiträge (man kann uns abonnieren!). Inzwischen sind über 370 Artikel erschienen. Und ganz neu ist unser erstes Buch, das eine Reihe unserer Reportagen, Interviews und Analysen enthält. Erschienen ist es im Kosmos-Verlag und nun in den Buchhandlungen oder online erhältlich.