Natur trotz Gift: Aus dem Ödland gibt es kein Entrinnen

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„Wasteland Ecology“: Ausschnitt aus einer Fotografie von Jennifer Colten. (Bild M. Hofmann)

Die amerikanische Landschaftsfotografin Jennifer Colten sucht nicht das offensichtlich Schöne. Sie fährt für ihre Bilder nicht in die vermeintlich unberührte Natur, zum Beispiel in die der Nationalparks. Sie schaut sich dort um, wo man Natur zuletzt suchen würde. Dort, wo sie verseucht ist. Dort, wo Industrien die Böden vergiftet haben.

Für ihre Bildserie „Wasteland Ecoloygy“ hat Colten Gebiete entlang des Mississippi aufgesucht, rund um St. Louis und Illinois Metro East. In diesen Industrieregionen erwartet kaum jemand blühende Landschaften. Und doch: Colten entdeckt und dokumentiert eine filigrane, aber widerstandsfähige Vegetation. Ihre Bilder zeigen die Schönheit versehrter Natur, die sich ihren Platz gegen alle Widrigkeiten zurückerobert. Aber: Die Fotografien sind beklemmend. Weiterlesen

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Wie Hitlers Eiche nach Koreatown in Los Angeles kam und dort von Mexikanern gepflegt wird

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Die Sieger-Eiche von Cornelius Johnson in einem Hinterhof von Los Angeles in einem Werk von Christian Kosmas Mayer. (Bildausschnitt aus „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“, hg. v. Rainer Fuchs, Wien 2017)

Ein Strassenzug in Koreatown, einem Stadtteil von Los Angeles, Buschwerk und Palmen säumen die Gehwege. In einem Hinterhof eines Hauses steht eine Eiche. Ihre Äste ragen über das eingeschossige Haus und bis auf die Strasse. Im Haus leben eingewanderte Mexikaner. Sie kümmern sich um den Baum, der im heissen Los Angeles etwas Kühlung verspricht. Ursprünglich hatte der Baum einen völlig anderen Zweck. Er war das Symbol eines totalitären Regimes. Weiterlesen

Vogelbeobachter unter Beobachtung

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Vom Beobachten der Beobachter: Floh von Grünigen porträtiert Vogelbeobachter. (Ausschnitt einer Zeichnung von von Grünigen; Foto: M. Hofmann)

Ein richtiger Birder, oder sagen wir besser: ein süchtiger Birder, kann den Tag nicht beenden, ohne einen Blick auf ornitho.ch zu werfen. Auf dieser Homepage tragen Vogelbeobachter ihre Sichtungen ein, geordnet nach Datum und Ort, mit Eigennamen versehen oder anonym. Wer also wissen will, was tagsüber über die Schweiz geflogen ist, ruft am Abend diese Seite auf. Zu diesen Birdern gehört der Berner Künstler Floh von Grünigen. Während der Lektüre der Meldungen aus dem Kanton Bern fielen ihm die Namen einiger sehr fleissiger Vogelbeobachter auf. Und so begann er sich vorzustellen, wie diese Birder wohl aussehen mögen. Aus der Phantasie zeichnete von Grünigen Porträts der Vogelbeobachter.

Doch hatten diese eingebildeten Porträts etwas mit der Wirklichkeit zu tun? Von Grünigen schrieb die Birder an und bat sie um eine Foto. Zu seiner Freude und Überraschung erhielt er Antwort.

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Als die Bilder voller Vögel waren

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Roelant Savery: Turmruine am Vogelweiher (1618).

In Dresden, in der Kunsthalle im Lipsiusbau, kann man derzeit die Entdeckung der Landschaft erleben. Im 16. und 17. Jahrhundert schufen flämische Maler idealisierte Panoramen der Welt, die unser Landschaftsbild bis heute prägen. Nach und nach füllte damals auch die Natur die Bilder. Es war die Zeit der Entdeckungen, die exakten Naturwissenschaften entstanden, die Zoologie verlangte eine genaue Betrachtung der Tiere und Pflanzen von nah und fern.

Und so bevölkern Tiere aus  Europa und Übersee die Landschaften. Vor allem auch Vögel werden oft naturgetreu ins Bild gesetzt: Spechte, Eichelhäher, Schwäne, Enten, Kraniche, Papageigen, Paradiesvögel. Ein ornithologisches Panoptikum. Weiterlesen

DiCaprios Klima-Lektion

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Leonardo DiCaprio in „Before The Flood“. (Screenshot: National Geographic/Youtube)

Leonard DiCaprio ist nicht nur ein preisgekrönter Filmstar. Er ist auch ein Friedensbotschafter der Uno, der sich in dieser Funktion besonders des Klimawandels annehmen soll. Ein Produkt seines Tuns auf internationaler politischer Ebene ist gerade erschienen. Im Dokumentarfilm „Before The Flood“ reist er auf der Suche nach Lösungen für den Klimawandel rund um die Erde. Der Film steht im Internet für eine Woche gratis zur Verfügung.

Als Prominenter der höchsten Preisklasse sowie Uno-Botschafter hat DiCaprio Zugang zu den Mächtigsten dieser Welt. Dieses Privileg nutzt DiCaprio. Anders als etwa im Film „Tomorrow“ interessiert DiCaprio weniger, was die Menschen in ihrem Alltag wirklich tun, um den Umweltverschlechterungen etwas entgegenzusetzen. Er holt vielmehr die Meinungen von Elon Musk, John Kerry, Obama oder dem Papst ab. Und klar: Er widerspricht diesen nicht.

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„The Zürich Load“ von Mike Bouchet an der Manifesta im Löwenbräu-Areal in Zürich. (Bild Markus Hofmann)

Es ist das Werk, das an der Manifesta in Zürich am meisten zu reden gibt: „The Zürich Load“ von Mike Bouchet. Wer am 24. März 2016 in der Stadt Zürich auf die Toilette ging, ist hier, wenn man so will: verewigt. 80 Tonnen Klärschlamm, die an diesem Tag anfielen, hat Bouchet zu Quadern gepresst und zu einer Skulptur gefügt. Auch wenn Bouchet und Mitarbeiter der Kläranlage Werdhölzli viel unternommen hatten, um den Gestank zu beseitigen, so sorgte dieser zu Beginn der Ausstellung für Aufregung im Quartier. Derzeit liegt nur noch ein leichter Ammoniakgeruch in der Luft der Halle im schicken Löwenbräu-Areal. Die Hinweise auf die Ungefährlichkeit des Werks sowie die Möglichkeit, die Kot-Skulptur auch von der anliegenden Terrasse aus zu betrachten, wirken etwas übertrieben. Doch das mag an der Nase des Betrachters liegen. Weiterlesen

Künstlerische Demut in der Twingischlucht

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„Umbelliferae“ von Barbara Gschwind an der LandArt 2016 im Binntal. (Bild: Markus Hofmann)

Das Oberwallis ist weiss gesprenkelt. Auf grünen Weiden reckt sich der Bärenklau empor. Auch an steilen Hängen, wo keine Tiere mehr das Gras fressen, zeigen Doldengewächse ihre hellen Blütenstände: Das Laserkraut erobert sich Wiese um Wiese zurück, sobald die Beweidung durch Schafe aufgegeben worden ist. Das Weiss der regenschirmförmigen Dolden korrespondiert mit den Schneespitzen der Walliser Berge und den darüber hinziehenden Wolken.

Diese Pflanzenfamilie, die die Landschaft prägt, hat die Luzerner Künstlerin Barbara Gschwind zu ihrem Motiv gemacht. Auf Felswände hat sie mit weisser Farbe «Umbelliferae», wie die Doldengewächse lateinisch heissen und wie auch der Titel von Gschwinds Werk lautet, in Übergrösse gemalt: mit klarem, einfachem Strich, dafür umso wirkungsvoller. Die Blumen, die an Höhlenmalereien erinnern, sind einer von insgesamt 15 Beiträgen zur diesjährigen «LandArt Twingi» im Landschaftspark Binntal. Heuer findet diese jährliche Open-Air-Ausstellung zum zehnten Mal statt.

Schauplatz ist die Twingischlucht, die einstige Pièce de Résistance des Binntals. Seit Mitte der 1960er Jahre lassen die Autofahrer auf ihrem Weg nach Binn die Schlucht dank einem Tunnel rechts liegen. Die alte, nicht asphaltierte Strasse ist zum Wanderweg und zur Mountainbike-Strecke geworden – und beherbergt im Sommer die «LandArt». Eigentlich bedürfte diese enge Schlucht keiner zusätzlichen Inszenierung. Die fast senkrechten, von Steinschlag und Lawinenniedergängen zerfurchten Felswände, die alten Föhren, die Wasserfälle, die ihre Fracht in die Binna entladen, an deren schattigen Ufern auch im Sommer noch Schnee liegt, sind eindrücklich genug. Am vielversprechendsten ist daher diejenige Kunst, die schon gar nicht den Versuch wagt, dem Grandiosen der Umgebung Gleichartiges gegenüberzustellen, sondern die den Blick für Details öffnet. Weiterlesen