Wie Hitlers Eiche nach Koreatown in Los Angeles kam und dort von Mexikanern gepflegt wird

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Die Sieger-Eiche von Cornelius Johnson in einem Hinterhof von Los Angeles in einem Werk von Christian Kosmas Mayer. (Bildausschnitt aus „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“, hg. v. Rainer Fuchs, Wien 2017)

Ein Strassenzug in Koreatown, einem Stadtteil von Los Angeles, Buschwerk und Palmen säumen die Gehwege. In einem Hinterhof eines Hauses steht eine Eiche. Ihre Äste ragen über das eingeschossige Haus und bis auf die Strasse. Im Haus leben eingewanderte Mexikaner. Sie kümmern sich um den Baum, der im heissen Los Angeles etwas Kühlung verspricht. Ursprünglich hatte der Baum einen völlig anderen Zweck. Er war das Symbol eines totalitären Regimes.

Gepflanzt wurde die Eiche vor 80 Jahren. Damals lebte hier die Familie von Cornelius Cooper Johnson. Der schwarze Athlet aus den USA gewann 1936 in Berlin an den Olympischen Spielen eine Goldmedaille im Hochsprung. Wie allen Siegern wurde ihm auch eine junge Eiche in einem Topf überreicht: die „Olympia-Eiche“. Für die Nationalsozialisten, die die Olympiade als Propagandainstrument nutzten, stand die Eiche für „deutsche Eigenschaften“ wie Kraft und Stärke. Im Englischen nannte man die Eiche „Hitler’s tree“. Um dem afroamerikanischen Sportler nicht die Hand schütteln zu müssen, verliess Hitler das Stadion noch vor der Siegerehrung. Ähnliches wiederfuhr Johnson auch später in den USA: Franklin D. Roosevelt empfing die afroamerikanischen Sportler nicht im Weissen Haus.

Johnson, der 1946 verstarb, setzte die Eiche im Hinterhof seines Elternhauses in die Erde. Dort hat sie der Künstler Christian Kosmas Mayer aufgespürt, um ihre Geschichte zu erzählen. Zu sehen ist die „Life Story of Cornelius Johnson’s Olympic Oak“ derzeit im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien in der Ausstellung „Naturgeschichten“.

Und Mayer spinnt die Erzählung weiter. Er liess Klone von Johnsons Eiche herstellen und brachte sie nach Europa zurück. Allerdings musste er dafür inoffizelle Wege beschreiten, denn aufgrund einer Baumseuche in Kalifornien erhielten die Eichen-Keimlinge keine Einfuhrgenehmigung.

Wie Mayers Werk zeigt die ganze Ausstellung, wie Natur immer auch Geschichte und wie Geschichte immer auch Natur ist. Die beiden traditionell getrennten Bereiche – hier die Geschichte des Menschen, dort die nicht-menschliche Natur – sind auf das engste ineinander verzahnt. Die eine lässt sich nicht ohne die andere verstehen. Natur ist nicht a-historisch. Und Geschichte ist nicht un-natürlich.

Man kann dies an etlichen Beispielen der Kolonialgeschichte aufzeigen. Oder man besucht historisch bedeutsame Orte und Ruinen, die von der Natur „zurückerobert“ werden. Man kann aber auch wie Ingeborg Strobl auf den ersten Blick so unscheinbare Orte wie verlassene Sennhütten aufsuchen und dort überall auf Rumex alpinus, den Alpen-Ampfer, stossen.

Der Alpen-Ampfer bevorzugt nährstoffreiche Böden und wächst daher dort besonders gut, wo Nutztiere ihren Dung hinterlassen haben, also rund um Ställe und Viehtränken. Noch Jahrzehnte, ja möglicherweise Jahrhunderte nachdem die Alpen von den Bauern aufgegeben worden sind, wird der Ampfer hier auf weiten Flächen die dominante Pflanze sein und damit die Geschichte einer Landwirtschaft erzählen, die sich rasant verändert.

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Der Alpen-Ampfer wird die ehemals bewirtschafteten Alpen noch lange prägen.

Katalog zur Ausstellung: „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“, hg. v. Rainer Fuchs, Wien 2017, € 24.

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