Massenaussterben – übrig bleiben nur Worte

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Der Dodo, Ausschnitt eines Bildes von Mansur (Hermitage, St. Petersburg)

Manche Dodos sollen einfach sitzen ge- / Blieben sein, sich mit Stöcken erschlagen lassen haben

Wir befinden uns mitten im sechsten Massenaussterben. Die natürliche Aussterberate wird derzeit um das 1000-Fache überschritten. Arten verschwinden, bevor wir sie überhaupt kennengelernt haben. Andere rafft es vor unserer eigenen Haustüre hinweg. Der Hauptgrund für das „übernatürliche“ Aussterben: der Mensch.

Diesem redet der Dichter Mikael Vogel ins Gewissen. Seinen neuesten Gedichtband „Dodos auf der Flucht“ widmet er ausgestorbenen sowie vom Aussterben bedrohten Tieren – und ein ganzes Kapitel dem titelgebenden Dodo, dem sagenumwobenen Vogel, der Ende des 17. Jahrhunderts auf Mauritius, wo er heimisch war, endgültig von dannen ging. Von Menschen eingeschleppte Ratten, Affen und Haustiere machten dem flugunfähigen Vogel den Garaus.

An den letzten Dodo

Zu gross, zu / Schwer, die Flügel zu klein, deine Brustmuskeln / zum Fliegen zu schwach: Wie ist es der Allerletzte zu sein, be- / Rauscht von vergorenen Früchten.. wolltest du Sex, suchtest / Aber fandest niemanden mehr, / blau auf Mauritius und alle anderen weg? / Als lebende Fleischkonserven auf lange Schiffsfahrten verschleppt, deine Eier ver- / schlungen von Menschen und anderen Schweinen, Ratten / Affen.. darauf warten weggegessen zu werden – einen Meter emporragend ins / Alleinsein, 20 Kilo schwer.

Mikael Vogels Gedichte sind gut recherchiert. Während Jahren hat er sich eine Bibliothek neuer und alter Literatur angeschafft, die von den verlorenen Tieren erzählen. Dieses Wissen kondensiert Vogel zu Gedichten. Nicht nur über den Dodo, sondern auch über viele andere Tiere wie etwa den Moa, den Haastadler, die Labradorente, den Riesenalk, den Beutelwolf und – selbstverständlich – die letzte Wandertaube „Martha“:

Zu ihrem / Ersten Flug ausserhalb ihres Käfigs / Hob Martha sich 52 Jahre nach ihrem Tod / In einer Kiste verpackt in Washington D.C. per Linienflugzeug in die Lüfte. / Die Smithsonian Institution lieh ihren präparierten Körper / Für eine Jubiläumsausstellung dem San Diego Zoo aus. / Die Reise, so die Vereinbarung / Musste Martha auf dem sicheren Schoss einer Stewardess absolvieren. Plötzlich / So lange nach der Streichung aller Wandertauben / Verlustängste.

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Die letzte Wandertaube: Martha. (Bild: Enno Meyer)

Vogel schreibt aber nicht nur über ausgestorbene Tiere, sondern auch über solche, die unsere Erde noch bewohnen, aber stark gefährdet sind. Wie etwa den Macgillivray-Sturmvogel:

129 Jahre nach seiner einzigen Sichtung / Flog er einem Naturschützer gegen den Kopf

1855 hatte man diesen Sturmvogel zum ersten Mal gefangen (er ist im British Museum in London untergebracht). Erst 1984 gelang ein erneuter Fang, nachdem zuvor Suchexpedition nach diesem auf der Fidschi-Insel Gau lebenden Vogel gescheitert waren. Dieses Mal wurde der Sturmvogel nach erfolgter Vermessung wieder freigelassen. In den letzten Jahren ist es wieder zu Sichtungen gekommen. Man vermutet, dass höchstens noch 50 Macgillivray-Sturmvögel leben. Diese Art könnte dasselbe Schicksal ereilen wie den Dodo. Ratten und Katzen, von den Menschen auf die Insel Gau mitgebracht, stellen dem Vogel nach, fressen seine Eier.

Mikael Vogel: Dodos auf der Flucht. Mit Illustrationen von Brian R. Williams. Verlagshaus Berlin, Berlin 2018. € 15.90, CHF 22.90.

©Markus Hofmann

 

 

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