Der Turmfalke „scheisst auf Barock, scheisst auf Gotik“: Naturgedichte von Marie Iljašenko

Will er überleben, kann der Turmfalke keine Rücksicht auf menschliche Bauten nehmen. (Bild: Markus Hofmann)

Marie Iljašenko hat ein Auge und eine Sprache für die Stadtnatur. Etwa wenn sie aus dem Auto vor einem Rotlicht stehend eine wilde Erbse zwischen den Fahrspuren entdeckt:

"Du bist wild, ähnlich wie wir,
die in der Grossstadt zur Welt kamen.
Wir haben Strassenränder, Böschungen, Unterflurtrassen, Strasseneinschnitte,
ausgedörrtes Pflaster
und dazwischen klitzekleine namenlose Pflanzen.
Wir haben Autos und Auspuffe, die stinken
und wilde Gärten zwischen den Fahrspuren."

Oder wenn sie die Gleichgültigkeit des Turmfalken für seine menschliche Umgebung beschreibt:

"Der Turmfalke hat keine Zeit, um mit Gott zu sprechen,
er scheisst auf Barock, scheisst auf Gotik, muss sich umsehen:
von Feldern in der Peripherie holt er sich Wühlmäuse,
bei Wind und Regen reguliert er die Taubenpopulation.
(...)
Er ruht auf Aposteln,
reinigt sich die Schwingen, glättet den schwarzen Saum seines Gewands.
Auf kostbarem mittelalterlichem Gestein
hinterlässt er seine Signatur."

Iljašenko, 1983 in Kyjiw geboren und im Alter von acht Jahren mit der Familie ins heutige Tschechien gezogen, ist Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie lebt in Prag. Ihr Gedichtband „Menschen hören überhaupt nur sehr wenig“ ist ihr erstes Werk, das ins Deutsche übersetzt worden ist. Sie war Gast an der vergangenen Frankfurter Buchmesse.

Marie Iljašenko. (Bild: Dirk Skiba)

In ihrem schmalen Band nimmt sie das Verhältnis der Städter zur Natur in den Blick. Manchmal existieren Wildtiere und Menschen unauffällig nebeneinander, nehmen sich kaum wahr. Immer wieder aber endet die Begegnung mit dem Menschen oder seiner Infrastruktur tödlich für die Tiere.

"Das ist die Schnepfe, die in den Süden flog
und jetzt, als Teil eines Stilllebens, auf grauem Untergrund liegt.
Ihr Ziehen ist vorbei.
Der Schnabel, als Pfeil, zeigt nacht Nordnordost,
das Zeitmass der Klauen zeigt fünf vor zwölf.
So hatte sie das nicht geplant.

Geplant war der Süden. Geplant war, durch das Glasgebäude zu fliegen,
vorbeizusausen an Bürokästen,
überraschten Maklern und schlanken Assistentinnen,
Geschrei, überraschtes Flüstern, vielleicht auch Flüche,
und erhöhter Puls im Vogelkörper.
(...)"

Man ahnt es, dieser Plan geht für die Schnepfe nicht auf: 

„Aber durch Glas fliegen – das kann keine.“

Auch das Gedicht „Schattensammlerin“ handelt davon, wie verglaste Gebäude zur Todesfalle werden. Die Schattensammlerin ist eine Frau, die jeden Morgen die verendeten Vögel aufsammelt, die an einer Fensterscheibe zu Tode gekommen sind.

"Sie ist die, die Vögel einsammelt und sie studiert.
Sie in feines Papier wickelt, sie in Kisten legt,
in Tabellen einträgt. Die Tabellen kommen als Erstes.
Der Tod als Letztes.
Die Federtiere sind ganz mannigfaltig,
doch stellen sich allen die gläserne Stadt in den Weg."

Berühend traurig sind die Gedichte, die in Kyjiw spielen. Der Krieg greift nicht nur tief ins Leben der Menschen, sondern auch in die Natur ein:

"Hunderte Vögel tauchen auf in der Stadt
sie fliegen aus den Wäldern, in ihrer Heimat wird gekämpft
der Krieg hat ihre Routen und Gewohnheiten geändert.
Der Kranich an der Paton-Brücke fliegt ziemlich niedrig
der Fluss leckt ihn beinahe am Bauch."

Iljašenko schliesst das Gedicht „Fünf Wochen in Kyjiw“ mit einem Anflug von Hoffnung:

"Vom Majdan bist du innerhalb einer Sekunde
in der freien Republik der Spatzen:
Stell dich in ein Beet, gib den Kopf in die Baumkronen.
Der schwarze Erzengel Michael beobachtet dich unruhig,
wacht über der Stadt, wacht über den Spatzen."

Titelgebend für das Buch ist das Gedicht „Neuzeitliche Stadtgeschichte“ über die Wanderraten der Grossstädte. Als die Wanderraten erfahren, dass die Menschen ihnen den Namen Rattus norvegicus gegeben haben, krümmen sie sich vor Lachen:

"Aber die Menschen hörten uns nicht,
denn sie hören überhaupt sehr wenig."

Von Marie Iljašenko kann man das nicht behaupten. Sie versteht es, genau hinzuhören und hinzusehen und den eng miteinander verwobenen Geschichten von Natur, Stadt und Mensch eine ganz eigene Prägung zu verleihen.

Marie Iljašenko: Menschen hören überhaupt nur sehr wenig. Aus dem Tschechischen von Julia Miesenböck. Illustrationen von Mariko Gelman. Anthea Verlag. 88 Seiten.

© Markus Hofmann

Kommentar verfassen