
Marie Iljašenko hat ein Auge und eine Sprache für die Stadtnatur. Etwa wenn sie aus dem Auto vor einem Rotlicht stehend eine wilde Erbse zwischen den Fahrspuren entdeckt:
"Du bist wild, ähnlich wie wir,
die in der Grossstadt zur Welt kamen.
Wir haben Strassenränder, Böschungen, Unterflurtrassen, Strasseneinschnitte,
ausgedörrtes Pflaster
und dazwischen klitzekleine namenlose Pflanzen.
Wir haben Autos und Auspuffe, die stinken
und wilde Gärten zwischen den Fahrspuren."
Oder wenn sie die Gleichgültigkeit des Turmfalken für seine menschliche Umgebung beschreibt:
"Der Turmfalke hat keine Zeit, um mit Gott zu sprechen,
er scheisst auf Barock, scheisst auf Gotik, muss sich umsehen:
von Feldern in der Peripherie holt er sich Wühlmäuse,
bei Wind und Regen reguliert er die Taubenpopulation.
(...)
Er ruht auf Aposteln,
reinigt sich die Schwingen, glättet den schwarzen Saum seines Gewands.
Auf kostbarem mittelalterlichem Gestein
hinterlässt er seine Signatur."
Iljašenko, 1983 in Kyjiw geboren und im Alter von acht Jahren mit der Familie ins heutige Tschechien gezogen, ist Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie lebt in Prag. Ihr Gedichtband „Menschen hören überhaupt nur sehr wenig“ ist ihr erstes Werk, das ins Deutsche übersetzt worden ist. Sie war Gast an der vergangenen Frankfurter Buchmesse.
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