
Es kann nicht anders sein: Vögel müssen doch Spass am Fliegen haben!
Sogleich ertönt die Warnung: Anthropomorphismus! Wir können nicht von uns Menschen auf nicht-menschliche Wesen schliessen. Eine solche Vermenschlichung ist unseriös!
Andererseits: Den Tieren solche Emotionen abzusprechen, scheint auch nicht in Ordnung zu sein. Wenn wir uns weigern, Tieren menschenähnliche Emotionen zuzuschreiben, könnten wir Grundlegendes in deren Verhalten übersehen, meinte der Verhaltensbiologe Frans de Waal: Er nannte dies „anthropodenial“.
Nun, eine Möglichkeit, die hitzige Anthropomorphismus-Debatte zu umgehen, ist schlicht, die Sache zu untersuchen: Empfinden Vögel beim Fliegen positive Emotionen?
Jorg J. M. Massen et. al. von der Universität Utrecht sind der Frage nachgegangen. Auf drei verschiedenen Ebenen – Verhalten, Kognition, Physiologie – haben die Forscher den emotionalen Zustand von Vögeln nach dem Fliegen näher angeschaut und ihn mit dem Zustand verglichen, in dem die Vögel nicht fliegen konnten. Als Versuchstiere dienten ihnen 17 Rosakakadus (Eolophus roseicapilla) im Vogelpark Avifauna in den Niederlanden. Die Studie ist in „Behaviour“ erschienen.
Der niederländische Vogelpark bot den Wissenschaftlern ein ideales Umfeld für ihre Tests. Dort besteht die Möglichkeit, die Vögel vor die freie Wahl zu stellen: Wollt ihr an einer Flugvorführung mitmachen oder nicht? Kein Vogel wurde gezwungen mitzufliegen. Es gab weder Strafen noch Belohnungen. Nach dem Fliegen wurden die Vögel zwar mit Futter in ihre Voliere gelockt. Aber auch die Nichtflieger erhielten Futter.
Das Resultat war eindeutig: Wann immer die Rosakakadus Gelegenheit hatten, zu fliegen, flogen sie ihre rund halbstündige Runde. Nur zwei Kakadus blieben einmal freiwillig im Käfig. Sie hatten einen guten Grund: An diesem Tag wurden in der Voliere neue Nistkästen installiert. Die beiden, ein Brutpaar, zogen es vor, diese zu inspizieren anstatt zu fliegen.
Das freiwillige Fliegen ohne ein bestimmtes Ziel – z.B. um an Nahrung zu gelangen – deuten die Forscher als „starke innere Motivation“. Doch damit ist nichts darüber ausgesagt, ob das Fliegen den Vögeln auch Spass macht. Dazu wurden die Kakadus in dreierlei Hinsicht untersucht.
Zum einen beobachtete man deren Verhalten nach dem Fliegen im Vergleich zu Tagen, an denen die Rosakakadus nicht fliegen durften. An den Flugtagen sträubten sie vermehrt ihre Federhauben, sie kratzten sich häufiger und suchten ausgiebiger nach Nahrung. Selbstverständlich müssen diese Verhaltensweisen mit Vorsicht interpretiert werden, doch die Forscher kommen zum Schluss, dass sie eine „positive Erregung“ anzeigen.
Zum anderen wurde der Optimismus der Kakadus gemessen, wiederum nach dem Fliegen im Vergleich zu Tagen, an denen sie nicht frei herumfliegen konnten. Doch wie stellt man fest, ob ein Vogel optimistisch gestimmt ist?
Dazu verwendeten die Forscherinnen und Forschern folgenden Test. Im ersten Schritt untersuchten sie, welchem Leckerbissen die Kakadus den Vorzug gaben: Walnüssen oder Sonnenblumenkernen? Die Walnüsse schwangen oben aus. Im zweiten Schritt wurden die Vögel darauf trainiert, die Farbe eines Bechers und eine Hintergrundfarbe mit einer bestimmten Belohnung zu verbinden. So lernten die Vögel etwa, dass sich auf schwarzem Hintergrund unter einem roten Becher eine Walnuss befand, während unter einem blauen Becher gar nichts war. Auf weissem Hintergrund enthielt ein blauer Becher hingegen einen Sonnenblumenkern, während ein roter Becher leer war.
Nun wurden die Kakadus vor eine ihnen unbekannte Situation gestellt: Ihnen wurde ein roter und ein blauer Becher auf grauem Untergrund gezeigt. Welchen Becher würden sie nun wählen? Vögel, die den roten Becher ansteuern, sind optimistischt gestimmt, denn möglicherweise ist dort ja ihre Lieblingsbelohnung versteckt. Pessimistische Vögel hingegen wählen den blauen Becher, also die weniger beliebte Nahrung, den Sonnenblumenkern.
Auch hier zeigten die Tests: Rosakakadus sind nach mehreren Tagen mit Freiflug hoffnungsvoller gestimmt, eine Walnuss zu finden, als nach Tagen ohne Freiflug.
Schliesslich massen die Forscher mittels Kotproben Hormone nach dem Flug. Positive Emotionen müssten einen Einfluss auf Stresshormone haben. Doch hier gab es keine eindeutigen Resultate.
Insgesamt kommen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Schluss: Kakadus sind motiviert zu fliegen, wann immer sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet. Und das Fliegen beeinflusst ihren emotionalen Zustand positiv.
Welche Gefühle sie dabei empfinden? Das werden wir wohl nie wissen. Dafür müssten wir selbst ein Rosakakadu sein.
© Markus Hofmann