
Nachtigallen haben mich schon mehrmals um den Schlaf gebracht. Einmal mitten in Berlin, als sich ein einsames Nachtigallen-Männchen im Hinterhof eines Hotels die Seele aus dem Leib sang.
Mir gefiel der Gesang. Auch wenn ich zu den Ohrstöpseln griff.
Der Gesang der Nachtigall stösst bei vielen Menschen auf Begeisterung. Vielfach wurde er in der Kunst gepriesen.
Doch wieso eigentlich? Was macht einen für uns wohlklingenden Vogelgesang aus? Dieser Frage sind Forscherinnen und Forscher der Universität Tübingen nachgegangen. Ihre Studie ist in „Frontiers in Bird Science“ erschienen.
Darin wird auch geklärt, welcher Vogelgesang in unseren Ohren am schönsten klingt. So viel sei verraten: Es ist nicht der Gesang der Nachtigall. Und ganz am Ende der Rangliste steht ein Vogel, der wohl zu den äusserlich prächtigsten und geheimnisvollsten zählt.
Um herauszufinden, wer wie im Vogel-Concours abschneidet, spielten die Wissenschaftlerinnen insgesamt 84 Versuchspersonen während jeweils 15 Sekunden die Stimmen von 123 einheimischen und verbreiteten Vogelarten vor. Als Grundlage diente die DVD „Die Stimmen der Vögel Europas“ von Hans-Heiner Bergmann u.a.
Die Teilnehmer mussten die Schönheit des Gesangs von 1 (nicht angenehm) bis 5 (sehr angenehm) bewerten sowie Fragen zu ihrem ornithologischen Wissen und ihrer allgemeinen Wahrnehmung von Vögeln beantworten.
Im Schnitt erreichten die Vögel einen Wert von 3.13, also im angenehmen Bereich. Den ersten Platz errang – in meinen Ohren völlig verdient – die Amsel mit einem sehr guten Ergebnis von 4.52. Knapp dahinter folgten der melancholische Fitis (4.45) sowie die verspielte Mönchsgrasmücke (4.43). Die Nachtigall (4.26) eroberte den 8. Platz.
Die ersten zehn Plätze:
- Amsel (Turdus merula)
- Fitis (Phylloscopus trochilus)
- Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla)
- Misteldrossel (Turdus viscivorus)
- Gartengrasmücke (Sylvia borin)
- Heckenbraunelle (Prunella modularis)
- Buchfink (Fringilla coelebs)
- Nachtigall (Luscinia megarhynchos)
- Bluthänfling (Linaria cannabina)
- Stieglitz (Carduelis carduelis)
Auf dem letzten Platz landete mit lediglich 1.32 Punkten die Schleiereule. Ist ihr schriller Ruf etwas zu unheimlich?

Ornithologische Vorkenntnisse hatten keinen Einfluss auf die Bewertung. Hingegen vergaben die Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer, die Vögel ohnehin schätzen, im Schnitt etwas bessere Noten.
Schaut man sich an, welche Charakteristiken des Vogelgesangs (Lautstärke, Tonhöhe, Komplexität und Bandbreite des Frequenzbereichs) besonders gut ankommen, ergibt sich folgendes Bild: eine eher hohe Tonlage, moderate Lautstärke und wenig Frequenzwechsel.
Auch ein komplexer Gesang wird als angenehm empfunden. Und hier sticht die einfallsreiche Amsel heraus, die mir manchmal wie ein Jazzmusiker erscheint, der neue Improvisationen ausprobiert.
Da sich Vogelgesang nachweislich positiv auf die menschliche Psyche auswirkt, folgern die Studienautorinnen und -autoren, dass man bei der Gestaltung von Grünanlagen darauf achten könnte, akustisch angenehme Vogelarten zu fördern. Dies würde das Erholungspotenzial erhöhen.

Das mag so sein. Wenn aber in besagten Grünanlagen der heroische Graureiher, einer meiner Lieblingsvögel, zu kurz käme, wäre das sehr zu bedauern. Stimmlich überzeugte der nämlich nicht: Er landete abgeschlagen auf dem drittletzten Platz.
© Markus Hofmann
Interessante Liste. Die schimpfenden Töne des Graureihers nimmt Mensch offenbar zu persönlich.
LikeGefällt 1 Person