
Ethiker lieben Gedankenexperimente. Zum Beispiel das „Argument der letzten Person“, das der Philosoph und Umweltethiker Richard Routley (später nannte er sich Richard Sylvan) 1973 formulierte. Es wird in verschiedenen Spielarten bis heute diskutiert.
Im Kern geht das Gedankenexperiment so: Stellen Sie sich vor, Sie seien die einzige Person, die einen Kollaps – welcher Art auch immer – überlebt hat. Nun sind Sie der letzte Mensch auf Erden und vor die Wahl gestellt, wie Sie mit den noch lebenden Wesen, den Tieren und Pflanzen, umgehen.
Da Sie der letzte Mensch sind, werden Ihre Handlungen keine Auswirkungen auf andere Menschen haben und auch Sie, so die Annahme, sind den Konsequenzen Ihres Handelns nicht unterworfen.
Was tun Sie nun mit den noch lebenden nicht-menschlichen Lebewesen? Zerstören und töten Sie diese? Oder bewahren Sie die nicht-menschliche Natur?
Aus Ihrer Antwort lässt sich schliessen, welchen Wert Sie der Natur geben. Gehen Sie davon aus, dass die Natur nur für den Menschen da ist, dann können Sie diese getrost zerstören, denn Sie müssen weder auf andere Menschen noch auf sich Rücksicht nehmen. Denken Sie allerdings, dass die Natur einen eigenen moralischen Wert hat, der unabhängig von menschlichen Interessen besteht, dann werden Sie auch als letzter Mensch Rücksicht auf die Natur nehmen und von deren Zerstörung absehen.
Kritik am liberalen Freiheitsprinzip
Routley stellte mit diesem Gedankenspiel das liberale Freiheitsprinzip auf die Probe. Dieses Prinzip lautet: Man soll tun dürfen, was man will, vorausgesetzt man schadet keiner anderen Person und fügt auch sich selbst keine irreparablen Schäden zu. Für Routley ist das Freiheitsprinzip Ausdruck eines „grundlegend menschlichen Chauvinismus“: Die Menschen kommen zuerst und alles andere zuletzt.
Eine solche Haltung führe zur Zerstörung der Umwelt. Um dieser Einhalt zu gebieten, brauche es daher eine Ethik, die den eigenen moralischen Wert der Natur stark macht. Die beiden Pole Anthropozentrismus (moralischer Wert der Natur nur in Bezug auf den Menschen) und Ökozentrismus (moralisch intrinsischer Wert der Natur) prägen die Umweltethik bis heute.
Das eine ist, dieses Experiment in Gedanken durchzuspielen. Etwas anderes ist es, es an realen Menschen zu testen.
Akzeptanz für Rechte der Natur?
Letzteres haben der Volkswirtschafter Björn Frank und die Verhaltensökonomin Blanca Tena-Estrada der Universität Köln getan. Sie wollen damit einen Beitrag zur Diskussion über die Rechte der Natur leisten (siehe dazu „Der befreite Schimpanse und der befreite Fluss“ sowie „Gerechtigkeit für Gletscher“).
Denn Rechte der Natur werden wohl eher dann akzeptiert, wenn man der Natur einen eigenen moralischen Wert zuschreibt. Kann man also zeigen, dass physiozentrische Haltungen auf Anklang, steigen die Chancen, dass auch Eigenrechte der Natur Zuspruch finden. Die Resultate des Experiments sind im Journal „Earth Stewardship“ erschienen.
Die beiden Forscher passten das Argument der letzten Person der deutschen Lebenswelt an. So stellten sie den deutschen Baum, die Eiche, ins Zentrum des Geschehens (in den USA gab es ähnliches Experiment mit einem Redwood-Mammutbaum). Zum Vergleich wählten sie als menschlichen Artefakt das Brandenburger Tor.
Den Versuchsteilnehmern legten sie eine der folgenden vier Fragen vor:
„Stell dir Folgendes vor: Du bist der letzte Mensch. Du wirst bald sterben. Wenn du nicht mehr da bist, werden nur noch Tiere und Pflanzen übrig sein. Nimm an, dass du in dieser Situation folgende Möglichkeit hast: einen Knopf zu drücken
…und die letzte Eiche zerstören. Du hast das Gefühl, dass dir das grosse Freude bereiten würde. Würdest du es tun? (Basis-Eichen-Szenario).
…und das Brandenburger Tor zerstören. Du hast das Gefühl, dass dir das grosse Freude bereiten würde. Würdest du es tun? (Brandenburger-Tor-Szenario).
…und die letzte Eiche zerstören. Dadurch gelangst du zu einem Pulver, das unter der Eiche vergraben ist. Wenn du das Pulver nimmst, wirst du eine Woche lang ein sehr starkes Glücksgefühl verspüren. Würdest du den Knopf drücken? (Glückspulver-Szenario).
… und die letzte Eiche zerstören. Dadurch gelangst du zu einem Pulver, das unter der Eiche vergraben ist. Wenn du das Pulver nimmst, wird sich dein Leben um etwa ein Jahr verlängern (es gibt keine schädlichen Nebenwirkungen). Würdest du den Knopf drücken? (Lebensverlängerungs-Szenario).“
Gender-Gap
Insgesamt machten 3198 Personen mit, 825 beim Basis-Eichen-Szenario, 833 beim Brandenburger-Tor-Szenario, 778 beim Glückspulver-Szenario sowie 762 beim Lebensverlängerungs-Szenario.
Die Resultate fallen deutlich aus: Lediglich 6.3 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer würden die Eiche zerstören. Gibt es allerdings einen Anreiz zur Zerstörung, steigt auch die Bereitschaft, der Eiche den Garaus zu machen: Kriegt man dafür ein Glückspulver, erhöht sich der Anteil der Zerstörungswilligen auf 18.5 Prozent. Und gar 21.7 Prozent würden die Eiche zerstören, wenn das Leben um ein Jahr verlängert wird.
Auffällig ist ein Gender-Gap: Frauen sind signifikant weniger bereit als Männer, die Eiche zu zerstören. Dies deckt sich mit dem Befund, dass sich Frauen auch eher für die Umwelt engagieren. Beim Brandenburger-Tor sieht es hingegen anders aus: Da wären etwas mehr Frauen (insgesamt rund 20 Prozent) als Männer bereit, dieses zu zerstören; der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist in diesem Fall allerdings nicht signifikant.
Neben dem Geschlecht spielen noch weitere Faktoren eine Rolle bei der Zerstörungs(un)lust: Je älter und risikofeindlicher jemand ist, desto weniger würde er die Eiche zerstören. Ein höheres Umweltbewusstsein sowie eine altruistische Einstellung haben denselben Effekt. Keinen signifikanten Einfluss auf das Resultat hat, ob jemandem das Tierwohl besonders wichtig ist. Dasselbe gilt für Faktoren wie Bildung, Einkommen oder Kinderhaben.
Was aber aus dem Experiment hervorgeht: Das ökozentrische Weltbild findet eine klarere Mehrheit. Selbst mit einer lebensverlängernden Massnahme sehen fast 80 Prozent davon ab, als letzter Mensch auf der Erde die Eiche zu zerstören.
Dies wiederum sind gute Vorzeichen, dass Rechte der Natur, bei denen aus Naturobjekten Natursubjekte mit eigenen Rechten werden, bei einem grossen Teil der Bevölkerung grundsätzlich auf Akzeptanz stossen könnten.
© Markus Hofmann
Ich muss nach dem Lesen anmerken, dass ich nicht einmal im Ansatz auf diese Fragestellung gekommen wäre.
Mich befremdet allein schon, dass überhaupt jemand so denken könnte, dass angesichts dessen, die letzte Person in einer Welt zu sein, die ohne diese, also mein fiktiv übrig gebliebenes Ich durchaus gut weiterexistieren könnte, aus Frust von Zerstörungslust gepackt werden könnte.
Befremden ist vielleicht noch zu milde formuliert, es sollte Entsetzen heissen, angesichts solcher Denkweise, die offenbar existiert, nur weil jemand das Angebit solcher Möglichkeiten suggeriert.
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