Anthropozän: Wien wird voraussichtlich nicht Namensgeber für ein neues Zeitalter

Unter dem Karlsplatz in Wien fand man Ablagerungen des urbanen Wandels, die 200 Jahre zurückreichen.

Das Anthropozän – das Zeitalter des Menschen: in den Sozial- und Kulturwissenschaften hat es längst Eingang gefunden. Anhand dieses Begriffs werden so grundlegende Fragen diskutiert wie: Was ist der Mensch? Was ist Natur? Wie ist der Mensch in die Umweltkrise geraten? Und wie kommt er da wieder raus?

Doch eigentlich ist „Anthropozän“ ein geologischer Begriff. Er bezeichnet die geologische Epoche, in der der Mensch so wichtig geworden ist, dass er die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde massgeblich beeinflusst.

Nur: Diese Epoche hat „offiziell“ noch gar nicht begonnen; wir befinden uns noch immer im Holozän, das vor rund 11.700 Jahren begonnen hat. Die Geologen sind etwas strenger im Festlegen von Begriffsdefinitionen als Philosophen oder Kulturwissenschaftlerinnen. Die „International Commission on Stratigraphy“ wird darüber entscheiden, ob das Anthropozän als neue geochronologische Epoche ausgerufen wird oder nicht.

Die Arbeiten dafür laufen seit mehreren Jahren in der „Anthropocene Working Group“. Und sie konzentrieren sich um Zeit in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Damals sind die menschlichen Auswirkungen auf die Erde geradezu explodiert, was etwa die Verschmutzung (z.B. durch Atomwaffentests oder Plastik) oder das Artensterben betrifft.

Nun ist man einen Schritt weitergekommen.

Um eine neue Epoche festlegen zu können, verlangen die Geologinnen und Geologen, dass verschiedene Erfordernisse erfüllt sind. Das Ereignis, dass die Erdprozesse so grundlegend verändert hat, muss einen nachweisbaren Marker hinterlassen haben. Und dieser Marker – etwa Plutonium-Isotope, die von Wasserstoffbomben-Tests ab 1952 stammen – muss auf der ganzen Welt in derselben Zeitspanne zu finden sein, zum Beispiel in Sedimenten oder Eisbohrkernen.

Zudem ist ein sogenannter Goldener Nagel nötig, also ein Ort, an dem dieser Marker – oder der Übergang von der alten in die neue Epoche – nachweisbar ist. Beim Holozän schlug man den Goldenen Nagel – sinnbildlich – in einen grönländischen Eiskern, den man in 1492 Meter Tiefe gefunden hatte. Dort konnte man die relativ wärmere Wasseroberflächentemperaturen im Meer aufzeigen: das Ende des Eiszeitalters.

Beim Anthropozän stehen 12 Orte für den Golden Nagel zur Diskussion. Drei davon haben sich nun als wenig geeignet erwiesen, wie Colin N. Waters und Simon D. Turner in „Science“ schreiben.

Die 12 Orte sind die folgenden:

1. Östliches Gotlandbecken in der Ostsee

2. Beppu-Buch in Japan

3. Westliche Flower Garden Bank in den USA

4. Flinders Reef in Australien

5. Palmer Ice Sheet in der Antarktis

6. Ernesto-Höhle in Italien

7. Crawford Lake in Kanada

8. Sihailongwan-Maarsee in China

9. Searsville Lake in den USA

10. Bucht von San Francisco in den USA

11. Śnieżka Torfmoor in Polen

12. Wien, Karlsplatz, in Österreich

Rausgefallen sind die Bucht von San Francisco, die Ernesto-Höhle und Wien.

In der Bucht von San Francisco tummeln sind besonders viele gebietsfremde Arten. Sie wurden durch den Schiffsverkehr, also den menschlichen Handel, eingeschleppt. Allerdings bildet sich dieses Getümmel nicht genügend deutlich in den Sedimenten ab.

Und in der Ernesto-Höhle in Italien hoffte man, anhand von Stalagmiten den menschlichen Einfluss auf die Erde genau festzumachen. So lagern sich dort etwa die Spuren von Atomwaffentests ab – allerdings mit einer zu grossen zeitlichen Verzögerung, wie nun festgestellt wurde.

In Wien wiederum fand man bei der Renovierung des Wien Museums am Karlsplatz Ablagerungen vor, die den urbanen Wandel der letzten 200 Jahre dokumentieren – inklusive Bauschutt aus dem Zweiten Weltkrieg. Diese Geschichte lässt sich anhand der Ablagerungen aber nur lückenhaft nachverfolgen.

Somit zeichnet sich ab, dass der erste Zeitabschnitt des Anthropozäns nicht Vindobonium heissen wird (Vindobona war der Name eines römischen Militärlagers auf dem Gebiet des heutigen Wien.) Es ist jeweils der Ort des Goldenen Nagels, der als Namensgeber dient.

Wo der Goldene Nagel eingeschlagen werden soll, will die „Anthropocene Working Group“ noch dieses Jahr bestimmen.

© Markus Hofmann

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