Eine Magerwiese im Zentrum Zürichs: So sollte es immer sein

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Magerwiese statt Pflastersteine mitten in Zürich. (Bild: M. Hofmann)

Es ist Freitagabend, die Aussenplätze der Restaurants und Bars sind gut besetzt und die Temperaturen mild, der Sommer ist nochmals zurückgekehrt. Doch mitten in Zürich herrscht eine entspannte Ruhe. Nur das Geschrei der Alpensegler, die in hohem Tempo hinter dem Zifferblatt der Fraumünsterkirche in ihren Nistplätzen verschwinden, ist deutlich zu vernehmen. Im Münsterhof, dem mondänen Herzen der Zürcher Altstadt, zücken Passanten ihr Handy. Sie nehmen aber nicht die Fraumünsterkirche oder das Zunfthaus zur Meisen in den Fokus. Sondern ein Stück Wiese.

Normalerweise staunen hier die Touristen über einen Platz, der akkurater nicht mit Pflastersteinen besetzt sein könnte. Bis 2016 war der Münsterhof ein wüster Parkplatz. Doch die Aufwertung zur gestylten Fussgängerzone hat das Leben noch nicht zurückgebracht. Trotz ein paar Sitzgelegenheiten und einem Brunnen wirkt der Münsterhof aseptisch. Es ist eben auch möglich, eine Stadt zu perfekt zu sanieren. Wer nicht hier bleiben muss, überquert den Platz meistens zügig.

Nun aber unterhält sich eine Gruppe aus Ungarn über die Biodiversität, ein älteres Paar sitzt auf zwei Stühlen am Rande der Wiese und macht nichts anderes, als einfach diese Wiese anzuschauen, und mittendrin sitzen Jugendliche auf einem aus Holz gezimmerten Podest rund um einen Baum und trinken Bier.

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Auch zwei Weiden hat der Künstler Gartentor nach Zürich verpflanzt. (Bild: M. Hofmann)

Der Künstler Heinricht Gartentor hat im Auftrag der Stadt eine temporäre Magerwiese aufgestellt. In einzelnen Blumenkisten zog eine Aargauer Gärtnerei die Magerwiesenpflanzen auf, und Gartentor hat diese sowie zwei Weiden zu einem kleinen Biotop in der steinernen Zürcher Altstadt zusammengefügt.

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Auf Holzstegen lässt sich die Wiese durchqueren. (Bild: Peter Baracchi, Stadt Zürich KiÖR)

Gartentor hat damit ins Grüne getroffen. Klar, die Botschaft ist vergleichsweise einfach (aber dennoch völlig berechtigt und wichtig): Die Magerwiese soll zum Nachdenken über die Beziehung von Stadt und Natur unter dem Zeichen der Klimakrise anregen, sind doch gerade Innenstädte von der Erhitzung besonders betroffen.

Mir gefällt etwas anderes noch besser: Obwohl nun ein grosser Teil des Platzes nicht mehr betreten werden kann (die Wiese lässt sich nur über Holzstege überqueren), strahlt der Münsterhof eine Lebendigkeit aus, die ihm zuvor fehlte. Kein städtischer Trubel, nein, bei weitem nicht. Es ist eine Lebendigkeit, wie man sie auch alleine im Wald erleben kann: Kein Mensch da, aber alles lebt. Darin liegt eine fast schon meditative Ruhe.

Mitte September, wenn der Herbst naht, wird die Aktion beendet. Die Magerwiese wird stückweise versteigert. So soll sie, verteilt über ganz Zürich, auf Balkonen, Terrassen und in Privatgärten weiterleben.

Ich werde versuchen, ein Stück davon zu ergattern. Doch am liebsten wäre mir, die Magerwiese würde bleiben, wo sie jetzt ist: im Herzen von Zürich.

 

© Markus Hofmann

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