Möwen, die die Stadt mehr lieben als das Meer

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Heringsmöwe im Anflug. (Bild: Ludovic Péron, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15062227)

Elgin ist ein idyllisches Städtchen in Schottland. Touristische Hauptattraktion sind die Überreste einer einstmals grossen Kathedrale, die während der Reformation zerstört wurde. Weit auffälliger als die Ruine ist derzeit aber etwas anderes: Auf fast jedem Dach der Stadt sitzt eine Möwe. Andere fliegen durch die Strassen, knapp an Passanten und Autos vorbei. Die Stadt ist eine grosse Möwenkolonie. Das Geschrei ruht kaum. Es ist das letzte, was man vor dem Einschlafen hört, und in der Früh wird man wieder davon geweckt. Diese Stadt, so scheint es, gehört den Möwen, nicht den Menschen.

Vor allem Silber- und Heringsmöwen haben den Ort in Beschlag genommen. Obwohl diese eigentlich am Meer heimisch sind, scheinen sie in Elgin, das doch einige Kilometer vom Strand entfernt liegt, nichts zu vermissen.

Dass sich die Möwen in britischen Städten wohl fühlen, bestätigt nun eine Studie in „Nature“. Es geht ihnen in den Städten gar so gut, dass ihre Bestände dort zunehmen, während sie ausserhalb urbaner Gebiete, also in ihren ursprünglichen Habitaten, abnehmen.

Doch das gefällt längst nicht allen Städtern. Nicht nur der Lärm stört. Auch der Dreck, den sie (auf Autos) hinterlassen. Oder ihr manchmal aggressives Verhalten. In Ruhe Fish and Chips essen? Nicht wenn sich in der Nähe ein paar hungrige Möwen aufhalten.

Das reichliche Angebot an Futter ist einer der wichtigsten Treiber für die Stadtliebe der Möwe. Hinzu kommen ein im Vergleich zum Umland wärmeres Klima, weniger Fressfeinde und viele geeignete Örtlichkeiten zum Nestbau und zur Aufzucht des Nachwuchses.

Doch was die Möwen in den britischen Städten, wo sie seit den 1940er Jahren brüten, genau treiben, war bisher nicht bekannt. Deshalb versahen Forscher der Universität Bristol in ihrer Stadt ein Dutzend Heringsmöwen mit GPS-Trackern und verfolgten deren Wege während der Brutsaison.

Wie Elgin liegt auch Bristol nicht direkt am Meer. Für eine Heringsmöwe sind die rund 10 Kilometer dorthin allerdings keine unüberwindbare Distanz. Doch während der Brutsaison hat nicht einer der zwölf Probanden sein Heimathabitat aufgesucht. Die meisten Zeit verbrachten sie in der Stadt, während immerhin einem Drittel der Zeit hielten sie sich im umgebenden Kulturland auf. Es scheint sich für die Heringsmöwen mehr zu lohnen, auf Feldern nach Nahrung zu suchen als im Meer oder am Strand.

Wenn der Hunger der Jungmöwen kaum mehr zu stillen ist, dann verlassen die fütternden Eltern die Stadt aber nicht mehr. Ein Grund dafür kann in der Nähe der Nahrungsquelle zum Nest liegen. Oder auch im Grad der Sicherheit, in der Stadt energiereiche Nahrung für die Jungen zu finden.

Die Ergebnisse der Studie können nun genutzt werden, um allfällige Abwehrmassnahmen gegen allzu lästige Möwen zu ergreifen. Klar ist nun, dass es nicht genügt, nur die städtischen Nahrungsquellen – wie zum Beispiel Abwasserreinigungsbecken – möwensicher zu gestalten. Man muss auch umliegendes  Landwirtschaftsland im Auge behalten, pendeln die Möwen doch zwischen Stadt und Land hin und her.

© Markus Hofmann

 

 

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