Überall Hühner: Das Anthropozän steht im Zeichen des Huhns

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Eine unglaubliche Zahl: 22,7 Milliarden. So viele Hühner leben derzeit auf der Welt. Gallus gallus domesticus ist nicht nur bei weitem der häufigste Vogel, er ist auch das häufigste Wirbeltier auf dem Planeten Erde. Die Ursache dafür ist der menschliche Hunger nach Fleisch. Homo sapiens mag Huhn. Es ist das am meisten gegessene Fleisch. Damit es dies werden konnte, musste das Haushuhn allerdings eine massive Veränderung durchlaufen.

Ein modernes Huhn hat nicht mehr viel mit einem Huhn aus der Zeit der Römer gemeinsam. Ja, man muss gar nicht so weit zurückblicken, um die Veränderungen zu erkennen. Der grosse Sprung hat nämlich erst in den 1950er Jahren mit neuen Züchtungen angesetzt. Heutige Hühner setzen fünfmal rascher Gewicht an als ihre Vorfahren aus der Mitte des letzten Jahrhunderts.

Das zeigt sich auch am Skelett. Die Knochen zeitgenössischer Hühner sind weniger dicht und oft ausser Form geraten. Der Mensch hat diese Hühner zu Fleischerzeugungsmaschinen degradiert. In freier Wildbahn könnten sie nicht lange überleben. Ihr Organismus ist dafür nicht gerüstet. Sie sterben an Herzversagen oder Atemstillstand.

Das alles haben sie der Domestikation durch den Menschen zu verdanken. Deshalb schlagen Wissenschaftler das Haushuhn als tierischen Marker für das Anthropozän vor. Seit rund 6000 Jahren nutzen die Menschen das Huhn für eigene Zwecke. Doch erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts ist nicht nur das Huhn selber radikal umgestaltet worden, auch der Umgang mit ihm hat sich massiv verändert. Die Zahl der Hühner wuchs mit der Population der Menschen.

Wie die fossilen Energien wurden die Hühner zu einer stark genutzten – und übernutzten –  Ressource. Genauso wie Plastik sich noch in der hintersten Ecke der Welt findet, fast so lückenlos bevölkern heute Hühner die Kontinente (mit Ausnahme der Antarktis).

Und genauso lagern sich überall die Überreste der Hühner ab. Ihre Knochen werden in Zukunft ein Beleg dafür sein, wie die Menschheit zu einem der wichtigsten Treiber planetarer Prozesse geworden ist. Als treuester Begleiter des Menschen wird sich dabei nicht der Hund, sondern das Huhn erweisen.

© Markus Hofmann

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