Vögel singen nicht

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Amsel schackern, orgeln, rollen und quirlen.

Nüchtern ist die Sprache der Wissenschafter. Zu den Lautäusserungen der Vögel sagen sie: Lassen die Vögel in ihrem Stimmkopf Luft an den Membranen vorbeiströmen, beginnen diese zu schwingen, und es entstehen Laute, die den Vögeln als akustische Signale dienen. Der Laie sagt dem gemeinhin: Vögel singen und rufen. Derzeit kann man am frühen Morgen oder nach Feierabend die Amselmännchen hören, wie sie, ganz oben auf einem Baum oder einem Hausdach stehend, virtuos singen. Doch singen die Amseln wirklich? Nein, sie schackern, orgeln, rollen, quirlen, am Ende einer Strophe schnirpen sie, und klingt es ausnahmsweise nicht besonders schön, dann schirkt die Amsel.

Das sind keine frei erfundenen Verben, sondern Beschreibungen, die für den Gesang der Amsel einst gebräuchlich waren. Man findet die Ausdrücke in alten Konversationslexika, in Wörterbüchern, etwa dem der Gebrüder Grimm, in der Jagdliteratur, in Wanderführern für Vogelfreunde oder dem zoologischen Werk von Alfred Brehm. Gibt ein Hausrotschwanz seinen charakteristischen, etwas heiseren Gesang von sich, spricht Brehm von «girlen». Lässt der Buchfink seinen Regenruf hören, dann knarrt er bei Brehm und schilkt bei den Gebrüdern Grimm. Heute sind diese Vogelgesangsvokabeln grösstenteils vergessen gegangen. Phantasievoll werden die zeitgenössischen Ornithologen lediglich, wenn sie zum Mittel der Lautmalerei greifen und die Gesänge und Rufe in eine Folge von Buchstaben zu übertragen versuchen. So ruft der Buchfink heutzutage «rrhü» und «hiit», und der Hausrotschwanz singt «si-srü-TILL-ILL-ILL-IL . . . krschkrschkrsch SRÜswisiwi». Und die Amsel? Sie «flötet melodisch». Was für eine bescheidene Beschreibung für den besten Sänger unter den hiesigen Vögeln.

Doch vielleicht beginnt es in der deutschen Sprache bald wieder zu krispeln (Zaunkönig), zu burren (Taube), zu zinzelieren (Schwalbe), zu gieren (Reiher), zu fisteln (Kuckuck) und zu knätschen (Grünfink). Denn Peter Krauss, ein pensionierter Deutschlehrer, hat den sprachlichen Schatz der Vogellautverben geborgen («Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er», Matthes & Seitz Berlin, 2017). In seinem Handwörterbuch führt er über 300 Vogellaute mit der entsprechenden Übersetzung ins Deutsche auf. Das Krolzen, Hiähen, Rülschen und Quinkelieren bringt nicht nur die erstaunliche Varianz der Vogellaute zum Ausdruck, sondern auch die deutsche Sprache selbst zum Singen. Und aus dem kühlen Jargon der Wissenschaft und der Armut der Alltagssprache wird wieder ein Fest der Verben, wie es früher begangen wurde.

 

Dieser Text erschien in der NZZ vom 9.6.2017.

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