Keine Wildnis nirgendwo

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Auch vermeintlich abgeschiedene Gebiete werden von Strassen durchschnitten.

Einfach mal losmarschieren, ohne auf eine von Menschenhand gebaute Infrastruktur zu stossen: In Europa ist dies fast unmöglich. Ein Viertel des Landes ist lediglich 500 Meter von einer Strasse oder einer Bahnlinie entfernt, bei der Hälfte der Fläche von 36 europäischen Staaten sind es 1,5 Kilometer und über ganz Europa gerechnet 10 Kilometer. Die Wahrscheinlichkeit, in Europa innerhalb einer zweistündigen Wanderung eine Strasse zu überqueren oder über ein Geleise zu stolpern, ist also sehr hoch. Ein dichtes Verkehrsnetz überzieht ganz Europa. Und das hat gravierende Auswirkungen auf Wildtiere.

Die Dichte der Verkehrsnetze wurde nun zum ersten Mal berechnet (Studie hier). Bekanntlich führen Verlust und Degradierung von Habitaten dazu, dass Artbestände abnehmen oder ganz verschwinden. Gebäude und Verkehrswege zerschneiden nicht nur Lebensräume, sie pflastern sie schlicht zu. Die genauen Auswirkungen von Infrastrukturbauten auf Wildtiere zu berechnen, ist allerdings schwierig. Auch reagieren verschiedene Arten unterschiedlich auf Strassen und Siedlungen.

Am Beispiel Spaniens und sechs dort typischerweise vorkommenden Arten (Waldkauz, Grosstrappe, Spanischer Kaiseradler, Wolf, Pardelluchs und Braunbär) wurde versucht, den Einfluss von Verkehrswegen zu eruieren. Da auch Spanien über ein dichtes Verkehrsnetz verfügt, ist es keine Überraschung, dass alle diese Arten in der Nähe von Strassen und Bahnlinien anzutreffen sind. Dennoch scheinen sich die Grosstrappe, der Kaiseradler, der Pardelluchs und der Braunbär nicht näher als 500 Meter an einen Verkehrsweg zu wagen. Mit gutem Grund: Über 6 Prozent des spanischen Luchsbestandes kamen 2014 auf Strassen ums Leben. Vor allem Kaiseradler, Luchse und Braunbären bevorzugen abgeschiedenere Gegenden.

Strassen und Bahnlinien haben einen direkten Einfluss auf das Vorkommen von Wildtieren. Am Beispiel Spaniens: Im Vergleich zu ungestörten Regionen wird das  Vorkommen von Vögeln durch Verkehrswege um 19, dasjenige von Säugetieren gar um 47 Prozent reduziert. Insgesamt nehmen die Bestände von Vögeln und Säugetieren infolge von Infrastrukturbauten um 25 bis 50 Prozent ab. Allerdings ist es zunehmend schwierig, Vergleiche anzustellen. Denn Gegenden ohne Strassen, Bahnlinien und Siedlungen sind in Europa vom Aussterben bedroht.

Zwei Aspekte gilt es daher in Zukunft verstärkt zu beachten: Zum einen sollten die Auswirkungen neuer Verkehrswege – sind sie denn nicht zu vermeiden – auf Wildtiere genau erforscht und möglichst gering gehalten werden. Und die wenigen Regionen in Europa, die noch weitgehend ungestört sind, sollten dies auch bleiben und geschützt werden.

© Markus Hofmann

 

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