Feuchtgebiet statt Flugplatz – ein Märchen

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Gleich zwei Bundesräte reisten an diesem sonnigen Samstag von Bern nach Dübendorf: die Umwelt- und die Verteidigungsministerin. Mitten im Frühling war es endlich soweit. Am 3. Mai 2025 konnte die „Wildniszone Dübendorf“ der Bevölkerung übergeben werden.

Bereits 115 Jahre zuvor hatte am selben Ort ein grosses Volksfest stattgefunden. Damals wurde ein neuer Flugplatz gefeiert. Dübendorf wurde in der Folge zur Wiege der Schweizer Luftfahrt. Lange Zeit startete von hier aus das Überwachungsgeschwader, um die Schweiz zu verteidigen. Dann änderten sich die Zeiten. Militärisch spielte der Flugplatz Dübendorf kaum mehr eine Rolle.

Die zivile Luftfahrt war allerdings weiterhin am Flugfeld interessiert. Auch weitere Vertreter der Wirtschaft sowie der Forschung schauten begierig auf den frei werdenden Platz und wollten einen Innovationspark erstellen.

Dann, wie aus dem Nichts, tauchte plötzlich eine völlig neue Idee auf.

Verwandeln wir die 256 Hektaren in ein Naturschutzgebiet von internationaler Bedeutung! Geben wir der Natur in der dichtbesiedelten Schweiz ein wenig Raum zurück!

Ein verrückter Vorschlag. Niemand glaubte an seine Umsetzung. Doch nach und nach fanden sich für alle Fragen überzeugende Antworten.

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Flugplatz Dübendorf: Platz für viel Natur mitten in der städtischen Agglomeration Zürich.

Der Innovationspark wurde im Limmattal auf visionäre Weise mit einer neu erbauten Stadt verquickt, so dass Wohn- und Arbeitsorte nahe beieinander zu liegen kamen. Und der zivile Luftverkehr ging wegen der hohen Erdölpreise so stark zurück, dass er gar nicht mehr auf den Standort Dübendorf angewiesen war.

Einige ganz Wilde wollten den ehemaligen Flugplatz einfach den Kräften der Natur überlassen. Dies Idee war den meisten aber zu radikal. Es wurde befürchtet, dass sich invasive Pflanzen und Tiere auf Kosten der  sogenannt einheimischen Arten zu stark ausbreiten würden. So entschied man sich für ein von Menschenhand gestaltetes Biotop. Dennoch sperrte man einen Viertel der Fläche ab und verfügte ein Betretungsverbot; hier durfte sich die Natur so frei wie möglich entwickeln. Auf dem Rest der Fläche wurden ein kleiner See sowie Teiche geschaffen, an deren Ufer Schilfgürtel wuchsen. Hecken durchzogen und begrenzten das Biotop.

Vor den Toren der Stadt Zürich war ein neues Feuchtgebiet entstanden. Besucher konnten es auf Holzstegen durchqueren, sich hier erholen sowie Flora und Fauna beobachten. Die „Wildniszone“ wurde zu einem wichtigen Beitrag für den Erhalt der Amphibien, sind in der Schweiz doch 70 Prozent der heimischen Amphibienarten auf der Roten Liste vermerkt.

Die Welt schaute nach Zürich: Eine Grossstadt hatte es geschafft, sich mit neu geschaffener Natur zu umgeben, ohne die legitimen Interessen von Gesellschaft und Wirtschaft zu übergehen. Auf der einen Seite lockte der Wildnispark Sihlwald, auf der anderen die Wildniszone Dübendorf. Die Bevölkerung war begeistert.

Und Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft waren versöhnt.

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Und die Wirklichkeit? In Dübendorf soll weiterhin gestartet und gelandet werden. Am 12. Januar 2017 entschied der Zürcher Regierungsrat, nun doch die zivile Fliegerei auf dem Flugplatz Dübendorf zuzulassen. Der Innovationspark Dübendorf soll ebenfalls gebaut werden. Und im Oktober 2016 wurde die Unterschutzstellung einer kleinen Magerwiese neben dem Flugfeld aufgehoben.

© Markus Hofmann

(Diese Umweltnotiz ist eine Aktualisierung meines NZZ-Klimablogs vom 19. Dezember 2013)

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