Ökosünden beichten? Besser gleich verzichten

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Gesündigt? Dann ab zur Beichte. (Bild Markus Hofmann)

Oje, nun gibt es einen „Ökobeichtstuhl“. Die Verbindung von „Öko“ und Religion wird gerne von denjenigen gezogen, die ökologisches Handeln als reine Glaubenssache und damit als im Grunde überflüssig abtun. Auch sogenannte Zukunftsforscher haben im „Ökologismus“ schon die neue „Weltrettungsreligion“ erkannt. Doch der Ökobeichtstuhl stammt weder von Öko-Kritikern noch von Hellsehern. Gebaut haben ihn Forscher der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (Institut für Umwelt und natürliche Ressouren). Derzeit steht er im neuen Kulturpark in Zürich.

Der Priester, dem man seine Sünden beichtet, ist ein Bildschirm mit angeschlossenem Rechner. In einem mannshohen, engen und dunklen Kasten tritt man der Maschine gegenüber. Und gesteht seine Sünde, zum Beispiel einen Flug nach London und zurück, den man aufgrund eines zu verlockenden Angebots getätigt hat. Flugs wird die Umweltbelastung ausgerechnet (Hinweise zur Berechungsmethode finden sich hier).

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Der Ökobeichtstuhl. Sitzen kann man darin allerdings nicht. (Bild: Markus Hofmann)

Und nun folgen die Vorschläge für die Wiedergutmachung. Verschiedene Optionen stehen zur Verfügung. Ich wähle die Plasticsack-Variante: Um die durch den Flug verursachte Umweltbelastung zu kompensieren, muss ich 5343 mal beim Einkaufen auf einen Plasticsack verzichten. Angenommen, ich gehe zweimal wöchentlich einkaufen, dürfte ich während der nächsten über 50 Jahre keinen Plasticsack mehr im Einkaufsladen behändigen.

Auch der Kauf eines Laptops zwingt zur langfristigen Verhaltensänderung: 3645 Mal muss man beim Einseifen unter der Dusche das Wasser abstellen, um die Umweltbelastung auszugleichen, die die Herstellung eines Laptops erzeugt.

Etwas weniger schwer wiegt der Kauf eines Paars Lederschuhe. Diese „Sünde“ macht man leicht wett, indem man 5 Blumensträusse selber auf einer Wiese pflückt, statt sie im Blumengeschäft zu erwerben.

Widersprüchliche Beichte

Der Ökobeichtstuhl (den es inzwischen auch als App für iPhone und Android gibt) ist ein weiteres Werkzeug der Umweltinformation. Bereits finden sich etliche Möglichkeiten, seine eigene Umweltbelastung auszurechnen, im Internet (etwa hier). Der Ökobeichtstuhl ist witzig programmiert. Und er droht nicht mit dem moralischen Zeigefinger (obwohl: wäre das so schlimm?). Die Gegenüberstellung verschiedener Handlungen hinsichtlich ihrer Umweltbelastung kann durchaus die Augen für besonders umweltschädliches Verhalten öffnen – wie zum Beispiel das Fliegen.

Dennoch ist die Praxis des Beichtens widersprüchlich. Zwar soll durch die Androhung der Beichte und der damit verbundenen Wiedergutmachungsmassnahmen vor Verführungen abgeschreckt werden. Doch gleichzeitig macht es die Beichte eben auch einfach, den Verführungen nachzugeben: Man muss ja nur sein Duschverhalten ändern, und schon lässt sich der Flug zum Shopping in London im Nachhinein rechtfertigen.

Besser wäre es allerdings, auf den Flug überhaupt zu verzichten. Doch der Verzicht verfügt im kapitalistischen System, in dem alles mit allem abgewogen werden kann, halt über keinen Tauschwert.

 

 

© Markus Hofmann

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