Park statt Museum

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Am Heimplatz in Zürich entsteht ein neues Kunsthaus. Andere hätten hier lieber Bäume gesehen. (Bild: Markus Hofmann)

Es ist eine der besten Lage in der Stadt Zürich. Der Heimplatz. Hier sind derzeit die Baumaschinen aufgefahren. Der Stararchitekt David Chipperfield und sein Team setzen hier, so hofft es die Stadt, ein neues Wahrzeichen, die Erweiterung des Kunsthauses Zürich. Ein schöner Bau, wie die Baupläne verraten, und ein Bau, den die Kunst und Zürich verdient haben. Dennoch: Wäre es nicht noch schöner gewesen, hier einen Park anzulegen? Einen kleinen Central Park à la Zürich? (Den Erweiterungsbau hätte man am Stadtrand bauen können, womit man die Peripherie aufgewertet hätte.)

Ich wüsste auch einen Starparkgestalter, der in seinem Fach einen genauso guten Ruf geniesst wie Chipperfield in seinem: Gilles Clément.

Clément ist Landschaftsarchitekt, Gärtner, Botaniker, Entomologe und Professor. Vor allem in Paris hat er gezeigt, wie zeitgemässe Pärke gestaltet werden können. Pärke, die Ästhetik und Ökologie verbinden wie zum Beispiel der Parc André-Citröen, der Jardin de l’Evolution oder der Garten des Musée du quai Branly.

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Der Parc André-Citröen in Paris. (Bild Andrew Duthie)

Vor kurzem ist ein Büchlein mit einer seiner Vorlesungen erschienen: „Gärten, Landschaft und das Genie der Natur“. Darin umschreibt Clément seine Idee einer Stadtnatur in Form des Gartens.

Der Garten bedeute „Einfriedung und Paradies zugleich“, so Clément: „Die Einfriedung schützt. In der Einfriedung befindet sich das, was man als das Kostbarste, das Schönste, das Nützlichste und das Ausgewogenste schätzt. (…) Das soll nicht heissen, dass ausserhalb der Einfriedung das Schlechteste (im Gegensatz zum Besten) liegt, aber dort findet man die unbekannte Wildnis, also die Unruhe, die beklemmende und zugleich bequeme Stadt, das Gebiet der unerwarteten Begegnungen und des notwendigen Austauschs, die Mischung aus Geboten und Verboten sowie das Arsenal von Regeln, Verpflichtungen und häuslichen Beziehungen. Dort entleeren die trivialen Fragen des Überlebens den öffentlichen Raum seiner Poesie und lassen ihn zu einem Ort für Ausweichmanöver und Auseinandersetzungen werden.“

Zum Besten, das in der Einfriedung des Gartens herrschen soll, zählt das „Genie der Natur“, also „das Vermögen der Tier- und Pflanzenarten (…), auf natürliche Weise ihre Beziehungen so zu regeln, dass sie sich in der täglichen Dynamik der Evolution am besten entwickeln können“.

Der Gärtner ist nicht derjenige, der der Natur seinen Willen aufoktroyiert. Vielmehr soll ein Dialog zwischen Gärtner und Natur in Gang kommen: „Das Dickicht des Lebendigen auf einer Brache als geordnetes System zu betrachten, in dem jedes Lebewesen und jedes Verhalten auf eine biologische Logik antworten, um sich in die Debatte einzumischen – und sei es nur, um dort ihren Platz zu behaupten –, bedeutet, auf die Gewaltsamkeit architektonischer Gestaltung zu verzichten, um einen Dialog zu beginnen, in dem der Gärtner sich an das Genie der Natur wendet, bevor er eingreift.“ Die evolutionären Abläufe seien eine „kostenlose Energie“, die dem Gärtner zu Verfügung stünde. Und so lautet das Motto: „So viel wie möglich mit [der kostenlosen Energie], so wenig wie möglich dagegen tun.“ Denn: „So wird der Künstler des zukünftigen Gartens die grossartige Mitarbeit der Natur als Mitunterzeichnerin seines Werks akzeptieren.“

Der Garten wird somit zum Ausdruck von Demut des Menschen gegenüber der Natur: „Wir sind in ein anderes Reich und eine neue Ära eingetreten, das Anthropozän verbindet uns mit der Natur. Wenn wir diese Verbindung nicht durch ein Bemühen um Demut anerkennen, glauben wir uns weiterhin so fern von der Natur, dass wir sie beherrschen, und das heisst letztlich, sie zu zerstören. Da wir wissen, dass wir uns am Ende dieser Kette der Abhängigkeiten befinden, die uns mit der Natur verbindet, ist es uns nicht mehr möglich, anders zu handeln als in einer Beziehung des Einvernehmens und Teilens.“

Das wäre eine starke Aussage gewesen: Am Heimplatz, an dem bereits das Schauspielhaus sowie das alte Kunsthaus stehen, wäre mit einem Park in den Worten Cléments „ein privilegierter Ort der Zukunft“ entstanden, „ein geistiger Bereich der Hoffnung“.

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Hier könnte auch ein Park entstehen: Baustelle am Heimplatz in Zürich. (Bild: Markus Hofmann)

© Markus Hofmann

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