Nativisten, Liberale, Agnostiker: Die Einschätzungen nicht-einheimischer Arten gehen weit auseinder

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Inbegriff der invasiven Pflanze: der Staudenknöterich, hier am Platzspitz mitten in Zürich. (Bild: M. Hofmann)

Möchte man eine gemütliche Runde von Naturschützerinnen und Naturschützern etwas aufmischen, empfiehlt es sich, ein Thema aufs Tapet zu bringen: nicht-einheimische Arten. Stellt man die Frage in den Raum, ob die wirklich so schlimm seien, entspannt sich rasch eine auch emotionale Diskussion.

Denn klar ist: Nicht-heimischen Arten ist nicht so recht über den Weg zu trauen.

Alle Arten, die seit 1492, also seit der Entdeckung Amerikas, durch den Menschen in neue Lebensräume gebracht worden sind, werden „nicht-einheimische“ oder „gebietsfremde“ Arten genannt. Vermehren sich diese Arten stark, können sie ökologische und ökonomische Schäden verursachen. Diese Arten gelten dann als „invasiv“.

Solche invasive Arten werden als grosse Gefahr für die Biodiversität bezeichnet. Als Grund für die gegenwärte Biodiversitätskrise und das Massenaussterben stehen sie gar auf dem zweiten Platz nach der Veränderung und Zerstörung der Lebensräume durch den Menschen.

Eines der 20 internationalen Aichi-Ziele zum Schutz der Biodiversität besteht denn auch darin, invasive Arten in den Griff zu kriegen:

By 2020, invasive alien species and pathways are identified and prioritized, priority species are controlled or eradicated, and measures are in place to manage pathways to prevent their introduction and establishment.

Doch teilen diese Einschätzung alle Fachleute? Vor kurzem habe ich hier auf den Fall des Staudenknöterichs – einer invasiven Pflanze par excellence – hingewiesen, der Vögeln gute Brutbedingungen bieten kann.

Forscher aus der Schweiz und Benin machten die Probe aus Exempel und starteten eine Umfrage: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie hält ihr es mit den nicht-einheimischen Arten?

Das Resultat: Einen starken Konsens unter den Wissenschaftlern gibt es nicht.

Die Studie konnte die Befragten in drei Gruppen einteilen: zwei extreme und eine dominierende, mittlere.

Auf der einen Seite stehen die „Nativisten“, die die negativen Effekte von nicht-einheimischen Arten auf die heimische Biodiversität in den Fokus stellen. Gebietsfremde Arten werden als schädlich oder potenziell schädlich eingestuft, auch wenn dafür die Nachweise fehlen.

Auf der anderen Seite gruppieren sich die „Liberalen“: Diese wenden den Rechtssatz in dubio pro reo auch auf Arten an und wollen nicht-einheimische Arten solange nicht verdammen, bis ihre Schuld bewiesen ist. Diese liberale Gruppe ist vor allem von Nicht-Biologen bestimmt.

In der Mitte zwischen den Extremen stehen die „Agnostiker“. Sie bilden die Mehrheit und positionieren sich nicht klar für oder gegen gebietsfremde Arten. Vielmehr denken sie, dass man die Situation im Einzelfall untersuchen und Vor- und Nachteile nicht-einheimischer Arten prüfen sollte.

Für die Forscher, die die Umfrage durchführten, zeigt die Gruppe der Agnostiker, dass sich die generelle Meinung gegenüber nicht-einheimischen Arten möglicherweise gerade ändert: von einer ablehnenden hin zu einer differenzierten Haltung. Allerdings, das betonen die Studienmacher: Ob ihre Umfrage mit 314 Teilnehmerinnen und Teilnehmern repräsentativ für die gesamte wissenschaftliche Gemeinschaft ist, lässt sich nicht sagen. Doch sie gibt einen Hinweise darauf, dass sich die Einschätzung nicht-einheimischer Arten gerade diversifiziert.

Verschiedene Meinungen: Das ist ja eigentlich die beste Ausgangslage für ein hitziges Streitgespräch unter Naturschützerinnen und Naturschützern.

© Markus Hofmann

 

 

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