Lasst die toten Tiere liegen – auch den Pflanzen zuliebe

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Am schönsten sind die Schottischen Hochlandrinder selbstverständlich lebendig. Doch auch als Kadaver haben sie einen grossen Nutzen für die Biodiversität. (Foto: Susanne Jutzeler, suju-foto/Pixabay)

Das Schottische Hochlandrind ist ein rundum symphatisches Wesen. Nicht nur äusserlich. Seit es auch für die schonende Beweidung in Naturschutzgebieten zum Einsatz kommt, ist die Anzahl seiner Verehrerinnen und Verehrer weiter angestiegen.

Doch nimmt es den letzten Weg alles Sterblichen (wenn es nicht vorher geschlachtet worden ist) und verendet, dann wird es zum Abdecker gebracht und entsorgt – aus Gründen des Gesundheits- und Umweltschutzes, wie es in der entsprechenden Verordnung der Schweiz heisst. Ausnahmen von dieser Praxis gibt es in Europa etwa in Spanien, wo man das Vieh zugunsten der dort lebenden Geier liegenlassen darf (siehe meine Umweltnotiz „Hol’s der Geier“).

Schade, dass man derart restriktiv mit den Nutztierkadavern umgeht. Besser wäre es, man liesse zu, dass einzelne Tiere an Ort und Stelle verwesen könnten. Dann nämlich würden die Hochlandrinder über ihren Tod hinaus einen Beitrag zur Verbesserung der Biodiversität leisten.

Den Verwesungsprozess haben Forscher vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung und der Reichsuniversität Groningen in den Niederlanden untersucht, und zwar in Oostvaardersplassen, einem Gebiet, das man seit mehreren Jahren mehr oder weniger der Natur überlässt.

Damit die Fläche nicht in kurzer Zeit verbuscht, hat man dort Grosssäuger ausgesetzt. Rothirsche, Konik-Pferde und Heckrinder haben nun die Aufgabe übernommen, die früher Wisente, Wildpferde und Auerochsen erledigten. Sie sorgen dafür, dass die Weiden offen bleiben und so auch vielen lichtliebenden Arten Raum bieten.

Da die Niederländer die Gesetze entsprechend angepasst haben, gelten die Konik-Pferde und Heckrinder, die man in Oostvaardersplassen freigelassen hat, nicht mehr als Nutz-, sondern als Wildtiere. Deshalb dürfen ihre Kadaver dort liegengelassen werden. Doch da sich viele Besucher an den verendenden und verendeten Tieren stören, werden auch sie normalerweise entfernt und entsorgt.

Täte man dies nicht, wäre viel für die Biodiversität gewonnen.

Nicht nur die üblichen Aasfresser – zum Beispiel verschiedene Insektenarten – profitieren von den Kadavern, sondern auch Pflanzen, wie die Forscher herausgefunden haben.

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Ringsum den Kadaver wachsen die Pflanzen kräftig. (Bild: Roel van Klink)

Im April 2013 legten die Forscher fünf tote Rothirsche in Oostvaardersplassen aus. Bereits einige Monate später, im Spätsommer, als die Kadaver fast komplett verwest waren, war die Biomasse bereits fünfmal höher als auf den Kontrollflächen ohne Kadaver. Und dies in einem Gebiet, das bereits sehr nährstoffreich ist.

Vor allem die Krause Ringdistel (Carduus crispus) profitierte von den zusätzlichen Nährstoffen der toten Hirsche und wuchs kräftig. Dies wiederum hatte einen positiven Einfluss auf pfanzenfressende Insekten und deren Räuber.

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Wo Tiere verwesen, blüht die Krause Distel kräftig. (Foto: H. Zell, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9437711)

Die Forscher plädieren daher dafür, die Entsorgungsregeln für Vieh in Naturschutz- und Rewilding-Gebieten zu überdenken und zu lockern. Dies könnte allerdings am Widerstand der Bevölkerung scheitern, wie man in Oostvaardersplassen bereits erlebt hat.

An den Anblick von Totholz in Wäldern habe man sich inzwischen gewöhnt, sagt einer der an der Studie beteiligten Forscher. Tote Tiere hingegen wirkten auf viele Menschen noch verstörend. Was schade sei, angesichts ihrer Bedeutung für die Biodiversität und die Ökosysteme.

© Markus Hofmann

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