Vogelbestimmung leicht gemacht: Hört man einen Vogelgesang, schaltet man die App auf dem Smartphone an – und schon weiss man, welche Art sich gerade bemerkbar macht.
Besonders beliebt ist die App „Merlin Bird ID“ des Cornell Lab of Ornithology. Für den Hobby-Ornithologen wie mich leistet sie gute Dienste. Gerade auch bei den Vogelrufen, die mir nicht so geläufig sind.
Doch ist die App zuverlässig? Und zwar so zuverlässig, dass sie auch für Forschungszwecke eingesetzt werden kann?
Mauersegler schnappen sich in der Luft alles, was sich für den Nestbau eignet – auch Plastik. (Bild: M. Hofmann)
Kennen Sie diesen Witz?
Was haben alle Menschen gemeinsam?
Mikroplastik in ihrem Körper!
Der Gag lässt sich auf andere Tierarten erweitern. Zum Beispiel: Was haben alle Vögel gemeinsam? – Plastik in ihrem Nest.
Nun, Letzteres ist empirisch noch nicht nachgewiesen. Aber die Gruppe der Vogelarten, die nachweislich Plastik und andere menschengemachte Stoffe in ihren Nestern verbauen, erweitert sich. Neben den Seevögeln (zum Beispiel Basstölpel oder Blässhuhn) und den eher erdgebundenen Vögeln (zum Beispiel Schwarzmilan) verwenden auch diejenigen Vögel, die den grössten Teil ihres Lebens fliegend in der Luft verbringen und ihr Nestmaterial dort einfangen, Plastik für den Nestbau.
Klug und vorsichtig: Elster. (Bild: Markus Hofmann)
Krähenvögel wie Kolkraben oder Elstern gehören zu den klügsten Tieren. Mit der Cleverness geht eine weitere Eigenschaft einher: Vorsicht. Wenn Krähenvögel etwas nicht mögen, dann ist es das Neue und Unbekannte.
Sie sind neophob. Sie haben Angst vor dem Neuen.
Neophobie hilft beim Überleben. Wer eine neue Lage oder eine neue mögliche Futterquelle zuerst sorgfältig prüft, bevor er sich in sie stürzt beziehungsweise hinunterschlingt, vermeidet potenziell tödliche Gefahren.
Möglicherweise machen sich die Beutetiere der Krähenvögel diese Neophobie zunutze, wie die beiden norwegischen Forscher Magne Husby und Tore Slagsvold in einem Experiment mit Elstern und Kolkraben zeigen konnten. Die Resultate haben sie in Royal Society Open Science veröffentlicht.
Gefürchtete Nesträuber
Genauso wie Elstern und Kolkraben Neuem abgeneigt sind, so sind sie dem Nachwuchs anderer Vogelarten zugeneigt: Als Nesträuber, die Eier und Küken fressen, sind sie gefürchtet.
Doch zeigt das auszuraubende Nest eine Anomalie wie einen glänzenden Teelöffel oder eine weisse Hühnerfeder, schrillen bei Elstern und Kolkraben alle Alarmglocken: Achtung, da ist was Neues, was nicht dorthin gehört!
Die Gartengrasmücke ist das Aschenbrödel unter den hiesigen Singvögeln. „Anonyme Erscheinung, eine oliv braun-graue, eher plumpe Grasmücke ohne auffallende Kennzeichen.“ Viel weniger euphorisch lässt sich ein Vogel kaum beschreiben wie in der „Bibel“ der Vogelbeobachter, dem Kosmos-Vogelführer von Lars Svensson.
LBB – die Vernachlässigten
LBB, „Little Brown Birds“, nennt man in der Birder-Sprache die kleinen, bräunlichen und unauffälligen Vögel, die schwierig voneinander zu unterscheiden sind – zumal dann, wenn sie stumm sind und nicht ihre unterschiedlichen Gesänge ertönen lassen.
Durchaus nachvollziehbar ist es, wenn Sichtungen der LBB nicht gerade Jubelschreie hervorrufen. Der Mensch als Augenwesen lässt sich von Buntem, nicht von Braun-Grauem verführen, wie in den „Umweltnotizen“ bereits vermerkt wurde. Uns gefallen die charismatischen Arten besser als die unscheinbaren.
Im Windschatten dieser Debatte tummelt sich der Hund.
Der „beste Freund“ des Menschen ist das beliebteste Haustier der Welt. Geschätzt eine Milliarde domestizierte Hunde leben auf der Welt – nicht eingerechnet die streunenden (Strassen-)Hunde ohne Eigentümer. In der Schweiz sind es rund 550’000, in Deutschland etwas über 10 Millionen Hunde.
Und auch die Hunde richten beträchtlichen Naturschaden an: Sie töten und vertreiben Wildtiere, sie verbreiten Krankheiten, verschmutzen das Wasser und tragen zu den Treibhausgasemissionen und damit zur Klimaerhitzung bei.
Idyllisches Fleckchen Erde: aber nur auf den ersten Blick. (Bild: Erich Wirz/Pixabay)
„Alles so schön grün hier! Da geht es der Natur sicher noch gut.“ So mag es vielen Schweiz-Reisenden durch den Kopf gehen. Doch der Eindruck täuscht. „Grün“ ist nicht gleichbedeutend mit „gut“. Die landschaftsprägenden Fettwiesen sind zwar „schön grün“, deren Artenvielfalt ist aber gering.
Doch auch in weniger intensiv genutzten Gebieten sieht man nicht, was man sehen könnte oder gar sehen müsste. Schaut man sich nämlich an, welche Arten an Orten fehlen, wo sie eigentlich vorkommen müssten, erkennt man, wie weit der schädliche Einfluss des Menschen reicht.
Mit der dunklen Vielfalt werden diejenigen einheimischen Arten erfasst, die an einem bestimmten Ort gedeihen könnten, aber nicht vorhanden sind. Statt also davon auszugehen, welche Arten an einem Ort vorkommen, wird die Perspektive umgedreht: Aufgrund des gesamten Potenzials an Arten wird ermittelt, welche einheimischen Arten fehlen – und warum sie dies tun. Auf diese Weise erhofft man sich, bisher verborgene Einflüsse des Menschen auf die Biodiversität aufzudecken.
Stellen Sie sich vor: Sie sind alleine in der Wildnis. Vor welchem Tier hätten Sie am meisten Angst?
17’353 Menschen aus allen Weltgegenden haben diese Frage beantwortet. Zur Auswahl standen ihnen 221 Fotos von 184 Tierarten, die ihnen an Land begegnen könnten (also keine Haie und anderes Meeresgetier). Diese Tiere stuften sie ein nach der persönlich empfundenen Gefährlichkeit. Die Resultate der Online-Umfrage sind vor kurzem von Karl Zeller et. al. in „People and Nature“ publiziert worden.
Am meisten Angst flösst der Anblick eines Leistenkrokodils aus.
Ebenfalls weit vorne in der Angst-Skala tummeln sich die Brillenschlange (Indische Kobra), der Jaguar und das Flusspferd.
Am wenigsten Angst verbreitet das Wildkaninchen.
Irrationale Angst
Soweit alles nachvollziehbar. Krokodile, Kobras, Jaguare und Flusspferde können dem Menschen durchaus gefährlich werden. Angst ist bei der Begegnung mit ihnen also eine angemessene Reaktion. Genauso wie der Niedlichkeitsfaktor bei Kaninchen gross ist.
Doch die Umfrage brachte auch Resultate hervor, die nicht so rational zu erklären sind. Schaut man sich nicht die einzelnen Tierarten an, sondern die taxonomischen Gruppen, so lagen die Spinnen bei den Angstmachern ganz vorne – vor Schlangen, Fledermäusen, Eidechsen, Insekten und Krokodilen.
Während man sich vor Krokodilen wirklich in Acht nehmen sollte, ist dies bei Spinnen in den allermeisten Fälle nicht nötig. Lediglich 0,5 Prozent aller Spinnenarten können dem Menschen gefährlich werden.
Hier spielt also etwas anderes eine Rolle: soziale und kulturelle Faktoren – oder Biophobie.
Dieses Blässhuhn (Taucherli) kann noch in natürlichem Nestmaterial brüten. (Bild: Mabel Amber/Pixabay)
Normalerweise bauen Blässhühner – in der Schweiz bekannt als „Taucherli“ – jährlich ein neues Nest. Da dieses aus Pflanzenmaterial besteht, zerfällt es rasch.
Und so müssen die Blässhühner nicht mehr jedes Jahr ein Nest von Grund auf neu bauen. Ein aus Plastikabfällen bestehendes Nest kann Jahrzehnte überstehen und von mehreren Generationen bewohnt werden, wie Forscher in den Niederlanden beobachtet haben.
Anhand der auf den Plastikverpackungen eingeprägten Ablaufdaten konnten sie Geologen gleich die Geschichte der Nester Schicht für Schicht rekonstruieren. Ihre Studie haben sie in Ecology veröffentlicht.
Vor allem ein Blässhuhnnest mitten in Amsterdam hat es ihnen angetan. Es enthielt 635 künstliche Gegenstände, die einen Blick in die nahe Vergangenheit unserer Wegwerfgesellschaft erlauben.
Im Juli ist das Risiko, in der Schweiz von einer Zecke gestochen zu werden, besonders hoch. (Bild: Erik Karits/Pixaba)
Dort, wo sich Menschen in der warmen Jahreszeit gerne und häufig im Freien aufhalten, zählt man in der Schweiz besonders viele Zeckensticke: in den dünn besiedelten Agglomerationen mit Grünraum.
Wälder, die in der Nähe von Städten liegen, sind ebenfalls Orte, nach deren Besuch ein erhöhtes Risiko besteht, mit blutsaugenden Ektoparasiten am Körper nach Hause zu kehren. Geringer ist die Wahrscheinlichkeit in dichtgebauten Städten, einen krabbelnden Gliederfüsser aufzulesen, der möglicherweise gefährliche Krankheitserreger in sich trägt.
Im Zeitraum der Untersuchung speicherten die Anwender der App 39’235 Zeckenstiche. Nach Bereinigung der Daten, die in diesem Citizen-Science-Projekt erhoben wurden, blieben 10’292 eindeutige Aufzeichnungen übrig. Diese sind nun in die soeben in „Parasites & Vectors“ erschienene Studie von Lisa Bald et. al. eingeflossen. Die Forscherinnen und Forscher zeichnen darin eine hochauflösende Karte der Schweizer Risikogebiete.
Nicht nur Moose werden zum Nestbau verwendet. Auch Tierhaare finden Verwendung – mit potenziell verheerenden Folgen. (Bild: Markus Hofmann)
Kohl- und Blaumeisen mögen ihr Nest weich und kuschelig. Dafür sammeln die Vögel neben Moosen auch Haare, die herumstreifende Tiere wie Hunde und Katzen verloren haben oder die Tierhalter mit besten Absichten für die Vögel im Garten auslegen.
Doch mit den Haustierhaaren gelangen auch Pestizide in die Kinderstube der Vögel. Denn die Hunde- und Katzenhalter behandeln ihre Lieblinge mit Tierarzneimitteln gegen Flöhe und Zecken.
Manche dieser Insektizide sind wegen ihrer bekannten Umweltschädlichkeit in der Landwirtschaft längst verboten. In der Veterinärmedizin finden sie aber noch immer rege Verwendung. Die Autorinnen und Autoren der neuen Studie fordern daher, dass der Einsatz dieser Tierarzneimittel überprüft werden müsse.