
Wer in der Nacht auf die Jagd geht, wird sich – ausser es liegt Schnee – kaum weiss kleiden. Doch genau mit dieser Taktik gehen Schleiereulen auf Beutesuche. Und sie scheinen damit erfolgreich zu sein, sonst wären sie schon längst ausgestorben.
Schleiereulen weisen ein breites Farbspektrum auf, von dunkel (rostbraun) bis hell (weiss). Gerade die weiss gefärbten Schleiereulen faszinieren wegen ihrer Schönheit. Doch sie geben auch Rätsel auf. Wie können sich weisse Schleiereulen in der Dunkelheit unbemerkt ihrer Beute nähern?
Eine Erklärung argumentiert mit dem Schockeffekt.
In mondhellen Nächten reflektiert das weisse Gefieder das Mondlicht besonders gut. Wenn Nagetiere, denen Schleiereulen nachstellen, etwas nicht mögen, dann ist es helles Licht. Eine vom Licht des Mondes angestrahlte weisse Schleiereule muss für eine lichtscheue Wühlmaus wie ein Scheinwerfer wirken.
Es bleibt ihr nur eine Wahl: Möglichst lange in Starre verfallen und hoffen, dass die Schleiereule sie nicht entdeckt und weiterfliegt. Doch die Jagdtechnik der Schleiereule ist einen Schritt weiter: Genau dieses länger als übliche Erstarren des Nagers hilft der Schleiereule, ihn zu packen.
Doch nun haben spanische Forscher eine neue Hypothese im PNAS-Journal aufgestellt. Sie sind der Ansicht, dass die weisse Unterseite der Schleiereule das Mondlicht nachahmt und auf diese Weise durchaus als valable Tarnung dient.
Während ein dunkel gefärbter Vogel in einer mondhellen Nacht aus der Perspektive der Beutetiere als gut erkennbare Silhouette erscheint, kann die Schleiereule mit der weissen Unterseite die Wahrscheinlichkeit ihrer Entdeckung minimieren. Den Kontrast zwischen der reflektierenden, weissen Unterseite der Schleiereule und dem vom Mond erleuchteten Nachthimmel liegt gemäss den Berechnungen der Forscher unter der Wahrnehmungsschwelle der Nagetiere.
Gegenüber CNN meinte der bekannte und an der Universität Lausanne arbeitende Schleiereulen-Forscher Alexandre Roulin*, der die Schock-These vertritt, dass ihn die neue Hypothese nicht restlos überzeuge. Möglicherweise sei sie aber eine Ergänzung zur herkömmlichen Erklärung.
Im Vergleich zu rötlich gefärbten Schleiereulen verharrten Wühlmäuse bei weissen Schleiereulen länger in Schockstarre, hält Roulin fest. Dies deute darauf hin, dass die Mäuse die weisse Schleiereule als Feind erkannten. Die Eule sei somit aus Sicht der Beutetiere sichtbar und nicht getarnt.
Dem widerspreche wiederum die Tatsache, dass Schleiereulen wie andere Eulen nahezu lautlos fliegen könnten, entgegnet Jaun J. Negro, der Vertreter der Tarnung-Hypothese. Und dies stehe nicht im Einklang mit der Vorstellung, dass der Beutegreifer sich sichtbarer machen wolle.
Die Meinungsunterschiede zeigen: Die Schönheit weisser Schleiereulen bleibt wohl noch eine Weile rätselhaft.
© Markus Hofmann
*Wer sich für Schleiereulen interessiert, dem sei das umfassende und prächtig illustrierte Buch von Alexandre Roulin empfohlen: Schleiereulen. Evolution und Ökologie. Springer Verlag, Heidelberg 2022.