
Wer in Europa von Rewilding spricht, denkt an Oostvaardersplassen: ein Gebiet unweit von Amsterdam, auf dem man die Natur möglichst frei walten lässt. Die Menschen haben sich zurückgezogen, dafür hat man Herbivoren wie Konik-Pferde und Heckrinder ausgesetzt, die die ökologischen Kreisläufe anregen sollen. So soll eine ursprüngliche Wildnis entstehen.
Solche Rewilding-Projekte gibt es in ganz Europa. Oostvaardersplassen ist lediglich eines der bekanntesten. Diese Projekte sind eine Alternative und Ergänzung zu traditionellen Schutzgebieten.
Doch wie gross ist das Rewilding-Potenzial insgesamt in Europa? Und wo ist es am grössten?
Zwei Forscher aus Spanien und Portugal sind diesen Fragen nachgegangen. Ihre Antworten haben sie vor kurzem in „Current Biology“ publiziert.
Miguel B. Araújo und Diogo Alagdaor definierten Rewilding-Kriterien, die sie anschliessend auf die Karte Europas legten. Zunächst unterscheiden sie zwischen aktivem und passivem Rewilding.
Beim aktiven Rewilding ist es notwendig, grosse Herbivoren (wie im niederländischen Fall) und Karnivoren (wie z.B. Wölfe im Yellowstone Park) anzusiedeln, um die ursprünglichen Nahrungsketten mit all ihren ökologischen Folgen wieder in Gang zu bringen. Beim passiven Rewilding konzentriert man sich auf das Management natürlicher Dynamiken, was ebenfalls die Rekolonisierung grosser Herbivoren und Karnivoren umfassen kann.
Menschliche Störungen reduzieren
Hauptsache ist, dass die Selbstregulation der Ökosysteme anläuft. Damit das funktioniert, müssen menschliche Störungen auf ein Minimum reduziert und grosse Gebiete geschützt werden sowie Schlüsselarten von Fleisch-, Pflanzen- und Allesfressern vorhanden sein.
Dies sind denn auch die Hauptkriterien, um das Rewilding-Potenzial abzuschätzen: ein geringer menschlicher Fussabdruck, eine gewisse Grösse des Gebiets (von 10,000 bis 50,000 ha über mehr als 50,000 ha bis zu „mega-rewilding ecosystems“ von über 100’000 ha) und die Verfügbarkeit von Schlüsselarten. Zudem haben die beiden Forscher berücksichtigt, inwieweit die Rewilding-Projekte zu den Naturschutzzielen der EU beitragen können (30 Prozent der Landes- und Meeresfläche unter Schutz bis 2030, ein Drittel davon unter striktem Schutz).
Drei Regionen mit grösstem Potenzial
Unter diesen Kriterien veranschlagen die Forscher das Potenzial für Rewilding in Europa auf 117 Millionen ha, was knapp 25 Prozent der Gesamtfläche entspricht. Die Hälfte davon wären „mega-rewilding ecosystems“.
Vor allem drei Regionen bieten sich mit über 76 Prozent des Potenzials an: Skandinavien, Schottland sowie die iberische Halbinsel. Dort gibt es grosse und von Menschen ungestörte Gebiete, in denen die gefragten Herbivoren und Karnivoren vorkommen. Sie wären also für das vergleichsweise kostengünstige passive Rewilding geeignet.
Dafür ebenfalls passende, aber kleinere Gebieten finden sich an der irischen Westküste, im Baltikum sowie in den Bergregionen Ost- und Südosteuropas. Auf Korsika, Sardinien, in Südfrankreich, den Niederlanden, im südlichen Dänemark und im südwestlichen Norwegen wäre aktives Rewilding möglich.
Und die Schweiz?
Knapp drei Viertel des Rewilding-Potenzials liegt ausserhalb bereits bestehender Naturschutzgebiete. Und hier kommt die Schweiz ins Spiel. Sie gehört zu denjenigen Ländern, denen das Rewilding dazu verhelfen könnte, das 30-Prozent-Ziel zu erreichen.
Ja, die Schweiz ist nicht Mitglied der EU. Sie unterstützt aber den neuen globalen Biodiversitätsrahmen von Montreal, der vorsieht, auf 30 Prozent der Landesfläche die Biodiversität zu sichern. In der Schweiz liegen potenzielle Rewilding-Gebiete vor allem in den Alpen.
© Markus Hofmann