Wegen Corona-Lockdown: Winterammern in Kalifornien wächst der Schnabel

Wo gibt’s was von Menschen Weggeworfenes zu fressen? Winterammern in Städten verschmähen Food Waste nicht. (Bild: Deborah Jackson/Pixabay)

Erneut gibt es handfeste – oder in diesem Fall: „schnabelfeste“ – Hinweise darauf, wie sich die menschlichen Massnahmen während der Coronapandemie auf Wildtiere ausgewirkt haben könnten. In den letzten Umweltnotizen berichtete ich von Rotmilanen, die während des Lockdowns weniger Aas überfahrener Tiere entlang von Strassen fanden und deshalb ihre Nahrungssuche anpassten.

Im neusten Fall geht es nicht um eine Änderung des Verhaltens, sondern um eine der Morphologie: Die Schnabelform von Winterammern in Kalifornien änderte sich in kürzester Zeit – was möglicherweise ebenfalls mit dem Lockdown während der Pandemie zu tun hat, wie Forscherinnen im Journal „Proceedings of the National Academy of Sciences“ berichten.

Winterammern (Junco hyemalis) kommen in Nordamerika bis Nordmexiko sehr häufig vor. Eigentlich ein Waldvogel ist die Winterammer inzwischen auch in Städten anzutreffen. Dabei hat sie sich der dortigen Umwelt angepasst.

In den Wäldern pickt die Winterammer mit einem dafür geeigneten Schnabel nach Samen und Insekten. In der Stadt aber gibt es viele menschliche Abfälle. Die Vorliebe für Food Waste hat dazu geführt, dass die Schnäbel der städtischen Winterammern im Vergleich zu denjenigen ihrer Artgenossen in den Wäldern kürzer und dicker wurden.

Rasche Evolution vor unseren Augen

Was passiert nun, wenn die Menge an Food Waste plötzlich drastisch zurückgeht – wie zum Beispiel während des Lockdowns in der Pandemie? Genau dies haben die Forscherinnen in Los Angeles untersucht und zwar auf dem Campus der dortigen University of California.

Und siehe da: Winterammern, die nach dem Beginn der Pandemie in den Jahren 2021 und 2022 auf dem Campus geschlüpft sind, wiesen längere Schnäbel auf, ähnlich denjenigen der Winterammern aus den Wäldern. Nach der Pandemie und dem Ende des Lockdowns nahmen die Schnäbel der Winterammer-Jahrgänge 2023 und 2024 wieder die kürzere, „städtische“ Form an.

Dass der Lockdown und der damit verbundene Mangel an Abfall der Grund für die Schnabelveränderungen sind, ist bisher eine Hypothese. Es könnte auch sein, dass in dieser Zeit Winterammern von ausserhalb in die Städte gekommen sind und sich mit den städtischen Winterammern gepaart haben, was sich dann durch Vererbung auf die Schnabelform der Nachkommen auswirkte. Es bräuchte weitere Untersuchungen, um einen solchen Genfluss festzustellen, schreiben die beiden Forscherinnen.

Dennoch halten sie ihre Hypothese für plausibel. Sie demonstriere, wie rasch sich Wildtiere an äussere, durch Menschen verursachte Veränderungen anpassten. Und wir rasch die Evolution vonstatten gehen könne – nicht nur in weit entfernten Urwäldern oder auf abgeschiedenen Inseln, sondern auch mitten unter uns in der Stadt.

© Markus Hofmann

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