Tolerante Stadteidechsen: Mauereidechsen in Städten haben mehr soziale Kontakte als ihre Artgenossen auf dem Land

Ist da jemand? Mauereidechsen können sich in Städten nicht so leicht aus dem Weg gehen. (Bild: Joël/Pixabay)

Mauereidechsen (Podarcis muralis) leben territorial und sind eher einzelgängerisch veranlagt. Doch in der Stadt zeigen sie sich sozial tolerant. Oder zumindest: toleranter als Mauereidechsen auf dem Land.

Das konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer Untersuchung in Kroatien belegen. Ihre Studie ist in „Biology Letters“ erschienen. Sie zeigten damit auch, wie sich die Verstädterung der Welt auf das Sozialverhalten von Wildtieren auswirken kann.

Die Forscher führten die Studie in der Touristenstadt Rovinj und in einem davon drei Kilometer entfernten Waldpark durch. Während drei Wochen im Sommer beobachteten sie das Verhalten von ingesamt 94 Mauereidechsen.

Begegneten sich Mauereidechsen in einem hindernisfreien Abstand von zwei oder weniger Metern und zeigten sie dabei ein gegenseitig tolerantes Verhalten (etwa Sonnenbaden oder Nahrungssuche), galt dies als ein sozialer Kontakt. Nicht gezählt wurden aggressive Begegnungen oder Paarungsverhalten, die aber ohnehin selten waren.

Nun wurde eine soziale Netzwerkanalyse durchgeführt, eine Methode, mit der soziale Beziehungen (üblicherweise unter Menschen) ermittelt werden können. Von den ursprünglich beobachteten 94 Mauereidechsen, fanden 69 Eingang in die Analyse. Die restlichen wurden weniger als dreimal beobachtet und fielen raus.

Urbane Anpassungsleistung

Die Resultate der Netzwerkanalyse waren deutlich: In den drei Wochen trafen 81 Prozent (38 von 47) der städtischen Mauereidechsen auf einen Artgenossen, während es auf auf dem Land lediglich 23 Prozent (5 von 22) waren. Auch bei den sozialen Kontakten zeigten sich grosse Unterschiede: Im Durchschnitt hatten die Stadteidechsen 1.9 soziale Kontakte, die Landeidechsen verzeichneten lediglich 0.3.

Insgesamt haben die Städter unter den Mauereidechsen mehr soziale Interaktionen, sie weisen engere Bindungen auf und finden sich öfters in Gruppen zusammen als die Mauereidechsen auf dem Land, die weiterhin dem Einzelgängertum frönen. Interessant ist, dass sich diese Differenzen in der Studie nicht mit unterschiedlichen Populationsdichten erklären liessen.

Die Unterschiede hängen also mit der Art des Lebensraums in der Stadt zusammen. In der Stadt sind die für die Mauereidechsen geeigneten Strukturen oft kleiner, isolierter und von Bauten umgeben. Die Mauereidechsen können sich in der Stadt weniger aus dem Weg gehen als auf dem Land. Dies fördert das sozial tolerante Verhalten. Denn Streit kostet Energie. Die erhöhte Toleranz kann daher als eine Anpassungsleistung an das urbane Umfeld betrachtet werden.

Allerdings gibt es auch Nachteile: Krankheiten und Parasiten könnten sich so leichter verbreiten. Auch besteht die Gefahr von Inzucht.

Die Forscherinnen und Forscher mutmassen gar, dass sich das territoriale Verhalten der urbanen Mauereidechsen mit der Zeit grundlegend verändern könnte und sich Dominanz-Hierarchien (wie etwa bei den Primaten, also auch den Menschen) entwickeln – ein weiterer Hinweis darauf, wie umfassend die Verstädterung die Natur umgestaltet.

© Markus Hofmann

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